Die Herausforderung der Demenz: Medizin und Zahnmedizin im Dialog
D&W RedaktionMillionen Menschen in Deutschland haben Demenz. Doch wie beeinflusst die Erkrankung die Mundgesundheit, die zahnmedizinische Behandlung und auch die Forschung? Welche Herausforderungen entstehen für Betroffene, Angehörige und Pflegepersonal? Und welche Tipps für den Praxisalltag geben die Experten Medizinern und Zahnmedizinern?
Rund 1,8 Millionen Menschen lebten in Deutschland Ende 2023 mit Demenz, wie die Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. im August 2024 berichtet. Bei über 90-jährigen Europäern betrug die Prävalenz von Demenz über 36 Prozent. Typische Symptome einer Demenz sind unter anderem Gedächtnisprobleme, Schwierigkeiten bei der Wortfindung und Probleme bei Alltagsaufgaben, aber auch Persönlichkeitsveränderung. Demenz selbst ist ein Oberbegriff. “Die Demenz gibt es eben nicht. Das Bild ist sehr vielfältig”, sagt Psychiater Dr. Florian Riese von der Universität Zürich in der aktuellen Podcastfolge, “Was allen Demenzen gemein ist, ist, dass es sich um (...) ein klinisches Syndrom handelt. Das heißt, eine Ansammlung von verschiedenen Symptomen, die häufig miteinander zusammen gemeinsam auftreten."
Wie beeinflusst Demenz die zahnmedizinische Versorgung? Welche Herausforderungen entstehen für Zahnärztinnen und Zahnärzte aber auch für Betroffene, Pflegende und Angehörige? Unter anderem darüber spricht Zahnmediziner und Host des Podcasts Prof. Dr. Dirk Ziebolz mit der Zahnmedizinerin und renommierten Expertin für Seniorenzahnmedizin Prof. Dr. Ina Nitschke und dem Psychiater und Demenzexperten Dr. Florian Riese.
Die Bedeutung der Demenz für die Mundgesundheit
Welchen Einfluss hat die Demenz auf die Mundgesundheit von Patientinnen und Patienten? “Wir haben das Problem, dass irgendwann die Kompetenz, sich regelmäßig die Zähne zu putzen, wegfällt, weil das Regelmäßige, die Zeitkorridore, wegfallen. Der Schlafrhythmus, Wachrhythmus, das kann auch sein, dass der durcheinander ist”, sagt Zahnmedizinerin Nitschke im Podcast, “Auch einfach die Fähigkeit, das, was man erlernt hat, dann nochmal umzusetzen, also die Mundpflege durchzuführen, ist dann nur bedingt da." Wichtig sei es dann, dass Angehörige die Menschen mit Demenz detailliert durch das Zähneputzen durchführen. Man müsse außerdem kontrollieren, dass das auch funktioniert habe, so die Expertin für Seniorenzahnmedizin. Ab einem bestimmten Punkt sei Fremdputzen notwendig. Nitschke betont: “Was wichtig ist, ist wirklich die Einbindung der Angehörigen für mich.”
Psychiater Riese dagegen sieht Menschen mit Demenz in seiner Arbeit erst zum Ende ihrer Erkrankung. “Und da muss man sagen, ist das Kind leider häufig schon in den Brunnen gefallen”, sagt Psychiater Riese über die Mundgesundheit der Patientinnen und Patienten, “Und da dann voranzukommen, ist eine schwierige Sache. Was uns in vielen Fällen doch geholfen hat, war die aufsuchende zahnmedizinische Versorgung, die in Zürich ja etabliert worden ist, auch durch Ina (Nitschke), wo dann in den Heimen tatsächlich doch eine Versorgung hat stattfinden können.” Wichtig findet Riese es, in früheren Stadien der Demenz Bewusstsein für die Mundgesundheit zu schaffen. “Wenn die Diagnose gestellt wird und in der Regel ja noch ein hohes Ausmaß an Selbständigkeit da ist und auch noch Gestaltungsspielräume da sind, dann würde ich heutzutage sehr stark empfehlen, vorausschauend zu handeln und das schließt verschiedene Bereiche ein”, sagt der Psychiater.
In welchen anderen Bereichen der Psychiater empfiehlt, vorausschauend zu handeln und was es dafür benötigt, hören Sie im Podcast. Außerdem berichtet Zahnmedizinerin Nitschke im Podcast, was man bei der Vorbereitung der Behandlung von Demenzkranken beachten sollte und warum die Prophylaxe-Assistentin den Hut aufhaben sollte. Außerdem gibt sie im Podcast konkrete Tipps für den Umgang mit Demenzkranken in der Praxis.
Größte Herausforderungen für Betroffene, Angehörige und Pflegepersonal
Welche sind die größten Herausforderungen für Betroffene, aber auch für betreuende Personen, Angehörige und Pflegepersonal? Das will Moderator und Host Ziebolz von seinen Gästen wissen. “Das ist ja eigentlich die Frage: Was ist so schlimm an der Demenz? Warum haben wir da doch auch alle Respekt oder sogar Angst davor?”, antwortet Psychiater Riese im Podcast, “Und ich denke, das ist einerseits selbstverständlich der Autonomieverlust, die Tatsache, dass man immer mehr auf externe Hilfe angewiesen ist. Und was das bedeuten kann, das machen wir uns, die wir eben nicht betroffen sind, gar nicht so klar. Wenn mit einem Mal Dinge, die wir automatisch im Alltag erledigen, ohne uns darauf konzentrieren zu müssen, (...) nicht mehr automatisch ablaufen und (wir) dafür Unterstützung brauchen.” Zudem gehen nicht nur Fähigkeiten verloren, so Riese, sondern es kommen auch Verhaltensstörungen hinzu. Agitation, Apathie, Aggression, depressives Verhalten – verschiedene Verhaltensweisen können dabei auftreten und seien dann nicht nur für die Betroffenen eine Herausforderung, sondern auch für die Angehörigen.
„Was mir immer auffällt, ist, dass manche Angehörige (...) der Meinung sind, sie müssen das alles alleine wuppen. Also den Alltag und auch die Nächte, die ja dann auch unruhig sind“, sagt Zahnmedizinerin Nitschke. Die meisten haben aber in ihrer Umgebung Tageskliniken, in die die Patientinnen und Patienten auch mal tagsüber gehen könnten, so die Zahnmedizinerin. Sie fährt fort: “Das wäre toll, wenn die Zahnärzte in ihrer Umgebung mal herausfinden, wo sowas ist und auch die Angehörigen motivieren, dass das nicht irgendwie eine Vernachlässigung ist, wenn man denjenigen, der da betroffen ist, dort mal hingibt. (...) Es sind ja immer so Abschnitte in dem Krankheitsverlauf, wo der vielleicht auch davon profitieren kann, dass da mal andere Menschen sind, dass dort andere Dinge gemacht werden. Und der Angehörige kann in dieser Zeit wieder etwas Kraft sammeln, indem er sich auch mal um seine eigenen Sachen kümmern kann.”
Auch Riese findet die Unterstützung von Angehörigen essenziell: “Das ist auch gut gezeigt, dass Angehörigenunterstützung nachhaltige und große Effekte hat, zum Beispiel auf das Verzögern der Notwendigkeit des Pflegeheimeintritts.” Im Gespräch mit Angehörigen betone er immer, dass es bestimmte Dinge gebe, die nur Angehörige tun können, also etwa die Patientin oder den Patienten in den Arm nehmen oder über gemeinsame Erlebnisse reden. „Wenn die Angehörigen sich konzentrieren auf Dinge, die nur sie können, dann können sie auch positive Erlebnisse wieder reinbringen”, sagt der Psychiater im Podcast, “Während bestimmte Dinge delegiert werden können an professionelles Betreuungs- und Pflegepersonal. Also die Mobilisierung, die Körperpflege, die Abgabe der Medikamente, so was kann ja durch eine professionelle Versorgung übernommen werden. Aber das Miteinander, was in der Familie oder unter Freunden möglich ist, das ist personengebunden. Das kann nicht delegiert werden. Und deswegen (...) ist das ein Weg auch, um den Blickwinkel zu öffnen und die Wertigkeit des Daseins füreinander für die Angehörigen erlebbar zu machen und dann auch die Tür zu öffnen, zu sagen: Aha, professionelle Hilfe ist ja eigentlich kein Versagen, keine Niederlage, sondern es eröffnet mir Handlungsspielräume. Es gibt mir Zeit dafür, das zu tun, was nur ich kann und das ist besonders wichtig.“
Was die Expertin und der Experte ihren Kollegen mit auf den Weg geben würden und warum es so wichtig ist, dass Demenzversorgung interdisziplinär ist, hören sie im Podcast.
Warum die Einwilligungsfähigkeit von Menschen mit Demenz eine Herausforderung in Forschung und Praxis ist
Eine weitere Herausforderung ist die Forschung mit Demenzkranken, besonders Menschen mit Demenz im fortgeschrittenen Stadium. “Vor allen Dingen interessiert uns der Bereich der institutionalisierten Patienten, also (...) die Pflegeheimbewohner”, sagt Psychiater Riese im Podcast, “Das ist eine Gruppe, an der kaum Forschung betrieben wird. Aus verschiedenen Gründen. Erstmal ist es allgemein schwierig, Forschung mit von Demenz betroffenen Menschen zu machen. Zum Beispiel, weil sie nicht einwilligen können (und) das jemand anderes für sie machen muss. Dann ist es natürlich auch logistisch schwierig. Und dazu kommt dann noch, wenn diese Personen im Pflegeheim sind, dann ist es noch einmal schwieriger. Dementsprechend gibt es sehr wenig Erkenntnisse aus dem Bereich. Und das ist eine Sache, die uns interessiert, weil das ist ja auch eine große Gruppe an Menschen.”
Auch Zahnmedizinerin Nitschke sieht die Einwilligungsfähigkeit als große Herausforderung der Demenz-Forschung. “Das ist auch unter den Ethikern eine große Diskussion, ob nicht in den Patientenverfügungen und in den Vollmachten auch drinstehen müsste, was passiert, wenn ein Mensch mit Demenz geschlagen ist, ob er wünscht, dass er an Forschungsprojekten teilnimmt oder nicht”, sagt die Zahnmedizinerin im Podcast. Besonders gesetzlich eingesetzte Betreuer können sonst nicht wissen, ob der Patient oder die Patientin an Forschung interessiert war, so Nitschke.
Auch Zahnmediziner und Moderator Ziebolz treibt das Thema um, wie er im Podcast berichtet. Es sei nicht nur in der Forschung ein Problem, die Einwilligung der Patienten zu erhalten, sondern auch im praktischen Alltag. Er fragt seine Gäste: “Wie geht ihr damit um (...) in eurem Alltag, wenn ältere Patienten oder Senioren zu euch kommen in die Klinik, ihr nehmt eigentlich wahr, dass dort schon eine mögliche Einschränkung vorliegt, aber die Diagnose Demenz ist noch nicht da und man stellt sich die Frage: Ist der Patient überhaupt noch (...) in der Art und Weise, wie er zu uns kommt, einwilligungsfähig?”
Welche Aspekte man bedenken sollte, wenn man die Einwilligungsfähigkeit seiner Patientinnen und Patienten im Alltag beurteilen muss, erklärt Psychiater Riese im Podcast. Außerdem gibt er Tipps für die Praxis. Was Zahnmedizinerin Nitschke im Praxisalltag aufhorchen lässt, wie sie die Abklärung der Urteilsfähigkeit angeht und was sie empfiehlt, hören Sie ebenfalls im Podcast.
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Disclaimer: Aus Gründen der besseren Verständlichkeit wird in diesem Podcast hin und wieder nur das generische Maskulinum verwendet. Die hier verwendeten Personenbezeichnungen beziehen sich jedoch – sofern nicht explizit kenntlich gemacht – auf alle Geschlechter.