Wirtschaftsnachrichten für Zahnärzte | DENTAL & WIRTSCHAFT
Praxisgründung
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Praxisgründung: maximale Freiheit, maximale Verantwortung

Eine Praxisneugründung bietet vor allem eines: Gestaltungsfreiheit. Standort, Behandlungskonzept, technische Ausstattung, Digitalisierungsgrad und Teamstruktur lassen sich von Beginn an strategisch planen.

Demgegenüber stehen jedoch hohe Anfangsinvestitionen und eine Anlaufphase ohne stabile Erträge. In den ersten 12 bis 24 Monaten ist die Liquidität häufig angespannt: Umsätze müssen erst aufgebaut werden, während Fixkosten wie Miete, Personal, Finanzierung und Technik sofort voll greifen.

Aus wirtschaftlicher Sicht liegt die größte Herausforderung der Gründung nicht primär in der Investitionshöhe, sondern in der fehlenden Historie. Ohne belastbare Vergangenheitszahlen sind Planung, Finanzierung und Risikoeinschätzung komplexer. Banken und auch Praxisinhaber selbst müssen stärker mit Annahmen und Szenarien arbeiten.

Entscheidend ist daher eine realistische Planung, die nicht nur den Businessplan zur Finanzierung erfüllt, sondern auch private Entnahmen, Steuerzahlungen und ausreichende Liquiditätsreserven berücksichtigt.

Praxisübernahme: Substanz kaufen – oder Probleme übernehmen?

Die Übernahme einer bestehenden Praxis gilt vielen als der „sichere“ Weg in die Selbstständigkeit. Laufende Umsätze, eingespielte Abläufe und ein bestehender Patientenstamm suggerieren Planungssicherheit.

Doch genau hier liegt das Risiko: Vergangenheitszahlen sind kein Garant für zukünftige Erträge. Patientenbindung, Teamstabilität, Investitionsstau oder veraltete Strukturen werden im Kaufprozess häufig unterschätzt. Hinzu kommt, dass Kaufpreise nicht selten emotional oder marktgetrieben festgelegt werden – statt auf Basis nachhaltiger Ertragskraft.

Die zentrale wirtschaftliche Frage lautet daher: Welche Erträge sind unter meiner Führung realistisch erzielbar – und zu welchem Risiko?

Eine fundierte Analyse trennt einmalige Effekte von strukturellen Schwächen und echten Stärken der Praxis. Nur so lässt sich beurteilen, ob der Kaufpreis langfristig tragfähig ist oder zur finanziellen Belastung wird.

Gründung oder Übernahme: keine Lifestyle-, sondern eine Kapitalentscheidung

In der Praxis wird diese Entscheidung häufig aus dem Bauch heraus getroffen – beeinflusst durch Empfehlungen, persönliche Vorlieben oder äußeren Druck. Wirtschaftlich sinnvoll ist jedoch ein anderer Ansatz. Denn ob Gründung oder Übernahme der bessere Weg ist, hängt unter anderem ab von:

  • der persönlichen Risikobereitschaft und dem Durchhaltevermögen

  • der geplanten Arbeits- und Lebensgestaltung

  • der Finanzierungskraft und Eigenkapitalstruktur

  • dem gewünschten unternehmerischen Wachstum

  • sowie der Fähigkeit, betriebswirtschaftlich zu steuern.

Beide Wege können erfolgreich sein, wenn sie zur eigenen Zielsetzung und wirtschaftlichen Realität passen.

Einzelpraxis oder Berufsausübungsgemeinschaft?

Neben der Grundsatzentscheidung für oder gegen die Niederlassung stellt sich zunehmend eine zweite Frage: In welcher Struktur soll sie erfolgen?

Neben der klassischen Einzelpraxis gewinnt der Einstieg in eine Berufsausübungsgemeinschaft (BAG) an Bedeutung. Die Unterschiede sind weniger organisatorisch als vielmehr finanziell und unternehmerisch relevant.

Wirtschaftlicher Vergleich Einzelpraxis und BAG:

Aspekt

Einzelpraxis

BAG

Unternehmerisches Risiko

hoch

verteilt

Entscheidungsfreiheit

sehr hoch

eingeschränkt

Einkommenspotenzial

hoch, aber schwankend

stabiler, aber geteilt

Finanzielle Abhängigkeit

von einer Person

vom Team

Komplexität

gering

hoch

Übernahme einer Einzelpraxis: volle Kontrolle, volles Risiko

Die Einzelpraxis ist nach wie vor die häufigste Form der Niederlassung. Wirtschaftlich bedeutet sie maximale Eigenständigkeit bei vollständiger Risikoübernahme.

Vorteile:

  • Alle Erträge verbleiben beim Inhaber.

  • Klare und schnelle Entscheidungsstrukturen.

  • Einfache gesellschaftsrechtliche Ausgestaltung.

Nachteile:

  • Hohe persönliche Abhängigkeit von der eigenen Arbeitsleistung.

  • Volles finanzielles Risiko bei Finanzierung, Investitionen und Fixkosten.

  • Begrenzte Skalierbarkeit ohne zusätzliche Behandler.

Die Einzelpraxis eignet sich besonders für Zahnärztinnen und Zahnärzte, die unternehmerisch entscheiden wollen, Verantwortung tragen können und Risiken bewusst steuern möchten.

Einstieg in eine Berufsausübungsgemeinschaft (BAG): Risikoteilung mit Koordinationsaufwand

Die BAG ermöglicht gemeinsames Wirtschaften – entweder durch Einstieg in eine bestehende Struktur oder durch Zusammenschluss mehrerer Praxisinhaber.

Vorteile

  • Verteilung von Investitionen und Risiken.

  • Skaleneffekte bei Personal, Räumen und Geräten.

  • Stabilere Ertragslage bei Ausfällen einzelner Behandler.

  • Flexiblere Arbeitszeit- und Spezialisierungsmodelle.

Nachteile

  • Geteilte Gewinne.

  • Hoher Regelungsbedarf bei Verträgen, Investitionen und Exit.

  • Abstimmungsprozesse bei strategischen Entscheidungen.

Wirtschaftlich sinnvoll ist eine BAG nur dann, wenn Leistung, Verantwortung und Gewinnverteilung transparent geregelt sind. Fehlende Klarheit führt häufig zu wirtschaftlichen und persönlichen Konflikten.

Expertenkommentar

  1. Nicht nur Einstiegspreis prüfen, sondern Exit-Fähigkeit.
    Gerade bei Berufsausübungsgemeinschaften wird häufig übersehen, wie ein späterer Ausstieg finanziell und rechtlich geregelt ist. Abfindungsregelungen, Bewertungs-methoden und Finanzierungsmöglichkeiten sollten bereits beim Einstieg klar definiert sein – nicht erst im Konfliktfall.
    Eine wirtschaftlich gute Praxisstruktur ist die, die man auch wieder geordnet verlassen kann.

  2. Arbeiten Sie mehrere Monate als Mitarbeitende(r) in der favorisierten Praxis, bevor Sie sie kaufen.
    Einzelne Hospitationstage sind keinesfalls ausreichend, um die Praxis und deren Mitarbeitenden kennenzulernen und einen tieferen Einblick in Abläufe und Besonderheiten der Praxis zu bekommen.

  3. Ziehen Sie unbedingt Spezialisten zurate.
    Ein Niederlassungsspezialist, der Sie vor großen finanziellen Folgen mit einer Unterschrift bewahrt und Sie auf die wichtigen und zeitlich dringenden Dinge hinweist und Sie begleitet. Rechts- und Steuerexperten dürfen nicht fehlen.

Fazit: Nicht das Modell ist entscheidend

Die Entscheidung zwischen Einzelpraxis und BAG ist keine reine Organisationsfrage, sondern eine strategische Kapital- und Lebensentscheidung. Während die Einzelpraxis maximale Kontrolle und Ertragschancen bietet, punktet die BAG mit Risikostreuung und Stabilität – allerdings zum Preis geringerer Autonomie. Entscheidend ist nicht das Modell, sondern ob es zur persönlichen Risikoneigung, finanziellen Leistungsfähigkeit und langfristigen Lebensplanung passt.

Martin Stromberg

Dipl. Kfm. Martin Stromberg

Dipl.-Kfm. Martin Stromberg ist seit 1996 als unabhängiger Finanzdienstleister selbständig. Sein Fokus ist gerichtet auf akademische Heilberufe und die Niederlassungsberatung. Foto: ©privat

st@stromberg-finanzen.de

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