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Zahnmedizin

Die Studie: Aktuelle Standortbestimmung zu genetischen Biomarkern bei Parodontitis

Dommisch H, Hoedke D, Lu EM, Schäfer A, Richter G, Kang J, Nibali L. Genetic Biomarkers for Periodontal Diseases: A Systematic Review. J Clin Periodontol. 2025 Apr 8. doi: 10.1111/jcpe.14149. Epub ahead of print. PMID: 40197750.

Genetik als Mitspieler: Warum nicht jeder gleich erkrankt

Der Hintergrund: Parodontale Erkrankungen gehören zur Gruppe sogenannter chronischer multifaktorieller Erkrankungen. Die Pathogenese dieser weit verbreiteten oralen Krankheiten ist gekennzeichnet durch das komplexe Zusammenspiel verschiedener individuell variabler Faktoren. Dazu gehören erworbene Risiken, wie die unzureichende Kontrolle der oralen, in Biofilmen organisierten Mikroflora oder der übermäßige Tabakkonsum – vornehmlich durch das Rauchen von Zigaretten. Treffen diese Angewohnheiten auf einen Wirt mit einer angeborenen erhöhten Empfänglichkeit kann es zur Entstehung einer Parodontitis, nach einer individuell unterschiedlich langen Expositionszeit kommen.

Die familiäre Aggregation bestimmter parodontaler Erkrankungen legte darüber hinaus einen genetischen Hintergrund nahe. Dies wurde durch klassische Studien an ein- bzw. zweieiigen Zwillingen dann auch bestätigt. Aktuell wird von einem genetischen Hintergrund von etwa 30 Prozent, an der Variabilität an Parodontitis zu erkranken, ausgegangen. Der genetische Code ist allerdings – zumindest punktuell – im Laufe des Lebens noch Veränderungen durch epigenetische Modifikationen unterworfen. Dieses noch relativ junge Gebiet zur Analyse des Zusammenspiels angeborener und erworbener Risikofaktoren macht das Verständnis der Krankheitsentstehung nun noch einmal wieder etwas komplexer.

Unterschiedliche Gene bzw. Modifikationen dieser Gene wurden in den letzten Jahren bezüglich einer Assoziation zu Pathogenese, Progression oder Resolution zu parodontalen Erkrankungen mit dem Ziel Diagnostik und Therapie zu unterstützen und mit zum Teil großen Erwartungen untersucht. Eine Arbeitsgruppe, zusammengesetzt mit Wissenschaftlern aus Berlin und London, publizierte kürzlich eine aktuelle Standortbestimmung in diesem Kontext.

Drei Leitfragen, strenge Kriterien: So wurde systematisch ausgewertet

In der hier nun vorliegenden systematischen Übersichtarbeit wurden drei Fragen gestellt: Im ersten Teil wurde nach der Verfügbarkeit genetischer Tests zur Unterscheidung zwischen Parodontitis und parodontaler Gesundheit gefragt. Frage 2 widmete sich der Unterscheidung von Krankheitsprogression und Stabilität. Im dritten Teil wurde nach genetischen Tests zur Bestimmung der Heilung oder Krankheitsresolution gesucht. Die Untersuchungen sollten sich auf an Menschen erhobene Daten – differenziert nach Gingivitis oder Parodontitis – beziehen. Es erfolgten eine Literatursuche in elektronischen Datenbanken, eine Handsuche in entsprechenden Fachzeitschriften sowie ein Screening der Referenzen bereits identifizierter Studien. Die im Journal of Clinical Periodontology hochstehend publizierte Arbeit wurde im Vorfeld in einer dafür vorgesehenen Datenbank registriert und nach den PRISMA bzw. PICOTS Kriterien erstellt.

Kein klinisch relevanter Gen-Test in Sicht – noch nicht

Die Ergebnisse: Von anfänglich 1.592 identifizierten Titeln konnten 10 Studien zu Gingivitis und 597 Arbeiten zu Parodontitis eingeschlossen werden. Nur zwei Arbeiten gaben die diagnostische Genauigkeit eines untersuchten Gen-Tests an. Bei 41 größeren Studien konnten die Autoren die diagnostische Genauigkeit jedoch anhand der zur Verfügung gestellten Daten errechnen. Bezüglich der 3 zuvor gestellten Fragen konstatieren die Autoren, dass derzeit kein genetischer Test (chair side test) mit entsprechender klinischer Bedeutung, der zwischen „parodontal erkrankt oder gesund“, zwischen „parodontaler Krankheitsprogression und -stabilität“ oder hinsichtlich der Vorhersage einer Resolution der Erkrankung verfügbar ist.

Wenig Praxisnutzen bislang – doch das Potenzial bleibt

Klinische Schlussfolgerungen: Die Matrix für das «Grading» im Rahmen der parodontalen Diagnosefindung entsprechend der aktuellen Klassifikation ist so gestaltet, dass weitere Modifikatoren – neben Krankheitsprogression, Zigarettenkonsum oder Diabetes mellitus – problemlos integriert werden könn(t)en. Hinsichtlich aussagefähiger genetischer Tests bestanden und bestehen hier große Hoffnungen.

Bis dato wurden demzufolge auch verschiedene Kandidaten-Gene, vornehmlich entzündungshemmende oder -fördernde Zytokine oder Zellbestandteile, untersucht. Einzelne Tests schafften es, auch dank entsprechender Kampagnen und meinungsstarker Fürsprecher, zwar bis in die Klinik, spielen heute aber wissenschaftlich und klinisch keine Rolle mehr. Mittlerweile gibt es diesbezüglich eine Lernkurve und es sind anspruchsvolle Kriterien für die Reliabilität genetischer Biomarker bekannt.

Sie wurden auch in der hier vorliegenden Arbeit nochmal publiziert. Die methodischen Anforderungen sind demnach hoch und betreffen Probandenanzahl (>1.000), biologische Plausibilität, hohe Genauigkeit (>99%) und Reproduzierbarkeit sowie eine entsprechend geforderte hohe klinische Relevanz des jeweiligen Tests. Darüber hinaus werden bestimmte kritische Kenngrößen statistischer Parameter verlangt. Das betrifft Sensitivität und Spezifität (>80%, >90%), das Signifikanzniveau (p< 5x10-8) oder die Odds-Ratio (>1,5). Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden in Zukunft auch nicht mehr einzelne Gene oder Varianten dieser Gene im Fokus des wissenschaftlichen Interesses stehen, sondern vielmehr bestimmte Genprofile oder Cluster bestimmter Gene, die dann möglicherweise noch in einem polygenen Risiko Score zusammengefasst werden können.

Die Botschaft für die Praxis: Die „Paro-Sonde“ hat noch immer nicht ausgedient und auch heute ist die klinisch-radiologische Untersuchung im Zusammenspiel mit den vielfältigen anamnestischen Daten maßgeblich für die parodontale Diagnosestellung und die darauffolgende Therapieplanung sowohl in der aktiven bzw. danach auch der lebenslangen Nachsorge in der unterstützenden parodontalen Therapie.

Prof. Dr. Clemens Walter

Prof. Dr. med. dent. Clemens Walter

Abteilung für Parodontologie, Oralmedizin und Oralchirurgie Charité Centrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde
Prof. Dr. med. dent. Clemens Walter erhielt seine Approbation im Jahr 2000. Von 2001 bis 2003 absolvierte er das Postgraduiertenprogramm in Parodontologie und Implantologie an der Charité Berlin. Die Promotion erfolgte 2005. Von 2010 bis 2021 war er Leiter des Weiterbildungsprogrammes Parodontologie an der Universität Basel, wo er 2012 habilitierte. 2016 wurde er Außerordentlicher Professor an der Universität Basel, 2021 übernahm er den Lehrstuhl für Zahnerhaltung, Parodontologie, Endodontologie, Präventive Zahnmedizin und Kinderzahnheilkunde, Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, Universitätsmedizin Greifswald. Prof. Walter arbeitet in der Zahnarztpraxis Asta Fritzke in Greifswald und ist als Titularprofessor an der Abteilung für Parodontologie, Orale Medizin und Orale Chirurgie, Charité-Universitätsmedizin Berlin tätig. Foto: privat