Stille Entzündungsherde im Kiefer: Ursachen, Erkennung und Behandlungsoptionen
Christina WeißChronische, sogenannte „stille“ Entzündungsherde im Kiefer sind eine oft unterschätzte gesundheitliche Problematik. Da sie zumeist symptomlos verlaufen, bleiben sie häufig über Jahre unentdeckt und können unerkannt zu einer Belastung für den gesamten Körper werden. Dr. med. dent. Christina Weiß über die Herausforderungen bei Diagnostik und Therapie.
Was sind stille Entzündungsherde?
Typische Beispiele stiller Entzündungen im Kiefer sind die Neuralgia-Inducing Cavitational Osteonecrosis (NICO) und chronische Infektionen an wurzelbehandelten Zähnen (Lechner & von Baehr, 2013). Diese entstehen durch unvollständige Heilung nach Eingriffen wie Zahnextraktionen oder Wurzelbehandlungen. In der Folge entstehen Knochenareale, die mangelhaft durchblutet (ischämisch) und immunologisch aktiv bleiben.
Systemische Folgen stiller Entzündungen
Diese entzündlichen Herde geben kontinuierlich Entzündungsbotenstoffe, sogenannte proinflammatorische Zytokine, wie das Chemokin RANTES (CCL5) frei. Studien verknüpfen diese mit chronisch-entzündlichen Erkrankungen, darunter Arthritis, chronisches Erschöpfungssyndrom (CFS) und neurologische Erkrankungen (Lechner et al., 2017). Neuere Forschungsergebnisse weisen sogar darauf hin, dass stille Kieferentzündungen systemweite Entzündungsreaktionen verstärken und chronische Erkrankungen fördern könnten (Lechner et al., 2021).
Herausforderungen der Diagnostik
Aufgrund ihrer Symptomarmut stellen diese stillen Entzündungen eine diagnostische Herausforderung dar. Herkömmliche zweidimensionale Röntgenbilder erkennen die Problematik erst, wenn bereits erhebliche Knochenschäden vorliegen. Deutlich genauer sind moderne Verfahren wie die Digitale Volumentomographie (DVT), welche auch subtile Läsionen sichtbar machen kann (Braunwarth, 2021). Zusätzliche diagnostische Sicherheit bieten innovative ultraschallbasierte Methoden wie die CaviTAU-Technik, deren Wirksamkeit erste wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen (Wziątek-Kuczmik et al., 2022).
Therapeutische Ansätze
Die grundlegende Therapie bei stillen Kieferentzündungen ist die chirurgische Entfernung der betroffenen Knochenbereiche. Um den Heilungsverlauf zu verbessern, kommen unterstützend regenerative Verfahren zum Einsatz, beispielsweise die Plättchen-reiche Fibrin-Therapie (PRF), Ozonbehandlungen und Lasertherapien (IAOMT, 2023). Ergänzend sind systemische Maßnahmen wie gezielte Mikronährstofftherapien mit Vitamin D und C sowie Entgiftungstherapien sinnvoll, um die Regeneration und langfristige Gesundung zu fördern (Lechner & Schick, 2021).
Kritische Betrachtung ergänzender Verfahren
Alternative Diagnosemethoden wie Kinesiologie, Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) oder Bioresonanz werden gelegentlich ergänzend eingesetzt. Aufgrund fehlender wissenschaftlicher Evidenz sollten diese Verfahren jedoch ausschließlich unterstützend und niemals als alleinige Grundlage für therapeutische Entscheidungen dienen (Braunwarth, 2021).
Fazit: Notwendigkeit interdisziplinärer Betreuung
Zusammenfassend stellen stille Entzündungen im Kiefer eine bedeutende Herausforderung in Diagnostik und Therapie dar. Fortschritte in bildgebenden Verfahren und gezielte chirurgische Maßnahmen eröffnen jedoch effektive Lösungswege, um die systemischen Auswirkungen dieser Erkrankungen deutlich zu reduzieren. Um die komplexen Zusammenhänge umfassend zu erforschen und evidenzbasierte, interdisziplinäre Therapieleitlinien zu entwickeln, sind weitere Studien unabdingbar.
Fußnoten:
- (1)
Braunwarth, A. (2021). Falsch-positive und falsch-negative Diagnosen durch Kinesiologie. Medical Tribune. 28.06.2021.
- (2)
IAOMT. (2023). Position Paper on Human Jawbone Cavitations (CIMDJ). International Academy of Oral Medicine & Toxicology.
- (3)
Lechner, J., & Schick, F. (2021). Chronic fatigue syndrome and bone marrow defects of the jaw – a case report on additional dental X-ray diagnostics with ultrasound. International Medical Case Reports Journal, 14, 241–249.
- (4)
Lechner, J., & von Baehr, V. (2013). RANTES and fibroblast growth factor 2 in jawbone cavitations: triggers for systemic disease? International Journal of General Medicine, 6, 277–290.
- (5)
Lechner, J., Huesker, K., & von Baehr, V. (2017). Impact of RANTES from jawbone on chronic fatigue syndrome. Journal of Biological Regulators & Homeostatic Agents, 31(2), 321–327.
- (6)
Lechner, J., Schulz, T., Lejeune, B., & von Baehr, V. (2021). Jawbone cavitation expressed RANTES/CCL5: Case studies linking silent inflammation in the jawbone with breast cancer. Breast Cancer: Targets and Therapy, 13, 225–240.
- (7)
Wziątek-Kuczmik, D., Niedzielska, I., & Mrowiec, A. (2022). Is thermal imaging a helpful tool in diagnosis of asymptomatic odontogenic infection foci? A pilot study. International Journal of Environmental Research and Public Health, 19(23), 16325.