Wirtschaftsnachrichten für Zahnärzte | DENTAL & WIRTSCHAFT
News
Inhaltsverzeichnis

Ein Vitamin‑D‑Mangel kann den Knochenstoffwechsel beeinträchtigen und möglicherweise die Einheilung von Zahnimplantaten erschweren. Dennoch raten Expertinnen und Experten nicht zu routinemäßigen Blutuntersuchungen oder einer vorsorglichen Einnahme des Vitamins vor implantologischen Eingriffen. Dies ist das zentrale Ergebnis der ersten deutschsprachigen S3‑Leitlinie, die unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Implantologie (DGI) und der DGZMK mit Beteiligung von 23 Fachgesellschaften, Organisationen und Patientengruppen entstanden ist.

Vitamin‑D‑Mangel häufig – aber keine Grundlage für Routine‑Maßnahmen

Etwa 30 % der Erwachsenen in Deutschland weisen einen Vitamin‑D‑Mangel auf; im Winter können die Werte bei bis zu 50 % der Menschen unter dem empfohlenen Bereich liegen. Besonders ältere Menschen sind betroffen: In dieser Gruppe zeigen bis zu 80 % eine Unterversorgung. Bis zu 90 % des Vitamin‑D‑Bedarfs wird über die UVB‑induzierte Synthese in der Haut gedeckt. Bei ausgeprägtem Mangel drohen Störungen des Knochenstoffwechsels wie Rachitis, Osteomalazie oder Osteoporose.

Studienlage: Hinweise auf Einfluss bei Implantaten, aber keine eindeutige Evidenz

Wissenschaftliche Analysen geben Hinweise darauf, dass ein Vitamin‑D‑Mangel:

  • die Osseointegration beeinträchtigen,

  • die Implantatstabilität verringern und

  • das Risiko periimplantärer Entzündungen erhöhen kann.

Die Autorinnen und Autoren der Leitlinie betonen jedoch, dass die Gesamtstudienlage uneinheitlich ist und keine klaren Schlussfolgerungen für ein generelles Screening erlaubt. Leitlinienkoordinator Prof. Dr. Dr. Knut A. Grötz: „Ein generelles Screening oder eine pauschale Supplementierung kann derzeit nicht empfohlen werden.“

Empfehlung: individualisierte Diagnostik bei Verdacht oder Risikokonstellationen

Laut Leitlinie kann eine Bestimmung des Vitamin‑D‑Status sinnvoll sein, wenn:

  • anamnestische Hinweise auf einen Mangel bestehen,

  • bereits ein Vitamin‑D‑Defizit bekannt ist,

  • unklare frühe Implantatverluste auftreten,

  • periimplantäre Infektionen wiederholt vorkommen.

Liegt ein Mangel vor, kann eine gezielte Supplementierung vor der Operation möglicherweise:

  • postoperative Entzündungen und Schwellungen reduzieren,

  • einen geringeren periimplantären Knochenabbau begünstigen,

  • die Stabilität der Implantate verbessern.

Diese Effekte sind jedoch nicht abschließend belegt.

Mehr Forschung nötig: Dauer, Schwankungen und Überdosierung im Fokus

Die Leitlinienautorinnen und ‑autoren weisen darauf hin, dass die Evidenz zu wichtigen Aspekten fehlt. Künftige Studien sollen insbesondere untersuchen:

  • welche Bedeutung die Dauer eines Vitamin‑D‑Mangels hat,

  • ob starke Schwankungen des Vitamin‑D‑Spiegels klinisch relevant sind,

  • welche Effekte Überdosierungen auf den Stoffwechsel des Kieferknochens haben können.

Implikationen für die Praxis: individuelle Risiko‑Nutzen-Abwägung

Zahnärztinnen und Zahnärzte sollten die Erkenntnisse der neuen Leitlinie in ihre Beratung einbinden – allerdings stets im Rahmen einer individualisierten Risiko‑Nutzen-Abwägung. Ein strukturiertes Vorgehen mit gezielter Diagnostik bei Verdacht auf Mangel wird empfohlen; allgemeine Screening‑Programme oder prophylaktische Supplementierungen hingegen nicht.

Quelle:

S3‑Leitlinie „Relevanz von Vitamin‑D in der oralen Implantologie“ (DGI / DGZMK), https://www.dginet.de/wp-content/uploads/2026/02/083-055l_S3_Relevanz_VitaminD-B

Stichwörter