Wirtschaftsnachrichten für Zahnärzte | DENTAL & WIRTSCHAFT
Praxis

Für das Gutachten „Ressourceneffizienz, Klimaschutz und ökologische Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen“ (ReKlimaMed) hat viamedica auch in 75 Arzt- und Zahnarztpraxen, Praxen sonstiger medizinischer Berufe und Medizinischen Versorgungszentren recherchiert. Unter den etwa 104.000 Arzt- und Zahnarztpraxen in Deutschland sind ca. 80 % inhabergeführte Einzelpraxen. Das bedeutet: Zahnärzte und Ärzte müssen sich auch beim Thema Nachhaltigkeit vorwiegend selbst organisieren.

Checkliste für mehr Nachhaltigkeit in der Zahnarztpraxis

ReKlimaMed listet auf, welche Maßnahmen die analysierten Praxen umgesetzt haben. Sie liefern damit Ideen und Empfehlungen für Zahnärzte, die die Nachhaltigkeit in ihre Unternehmensziele aufnehmen wollen.

Diese Checkliste hilft Ihnen auf dem Weg zu mehr Klimaschutz in Ihrer Zahnarztpraxis:

Klimaschutz bei Gebäudeenergie, Wärme- und Stromnutzung

  • Energetische Gebäudesanierung, Bau eines Passivhauses für die Praxisräume
  • Einbau eines Lüftungssystems mit Wärmerückgewinnung
  • Einbau von Energiesparfenstern, Beschichtung der Fenster mit wärmedämmender Folie
  • Anbringen elektronischer Sensoren an Heizkörpern, mit denen die Temperatur besser geregelt werden kann
  • Passive Kühlung der Räumlichkeiten ohne Klimaanlage: Verdunkelung der Dachfenster, Sonnenschutz an den Fenstern und Beschichtung der Fenster mit wärmedämmender Folie
  • Einsatz von energieeffizienten EDV- und Elektrogeräten
  • Ausstattung der Geräte mit Zeitschaltuhren
  • Beleuchtung mit LEDs, reduzierte Beleuchtung, Bewegungsmelder für eine bedarfsgerechte Lichtnutzung
  • Erneuerbare Energien bei Wärme und Strom, Bezug von Ökostrom
  • Hauseigenes Blockheizkraftwerk, Fernwärme aus Abfallprodukten der Holzverarbeitung, eigene Geothermie, eigene Fotovoltaik-Anlage oder eigene Windräder
  • Sammlung der Arbeitskleidung zur Reinigung

Klimaschutz bei der Mobilität

  • E-Auto, Plugin-Hybrid-Fahrzeug, Lastenfahrrad
  • Nutzung der Bahn für die Fahrt zu Kongressen und Weiterbildungen
  • Förderung von Jobtickets für den ÖPNV, Fahrradleasing für die Mitarbeiter
  • Bereitstellen einer Ladestation für die E-Fahrzeuge der Beschäftigten und der Patientinnen und Patienten
  • Fahrradstellplätze vor der Praxis
  • Aufruf auf Webseite, zu Fuß, mit dem Rad oder dem ÖPNV in die Praxis zu kommen mit Hinweis auf die entsprechenden Haltestellen
  • Angebot einer Videosprechstunde
  • Betreiben eines praxiseigenen Labors zur Einsparung von Transport, Material und Verpackung
  • Kooperation mit regionalen Anbietern für kurze Transportwege
  • Digitale Kommunikation mit Laboren zur Vermeidung des Postversandes

Nachhaltigkeit bei Materialien und Dienstleistungen

  • Einsatz biokompatibler Zahnersatzmaterialien
  • Verwendung von Polierpasten ohne Mikroplastik
  • Nutzung biologisch abbaubarer Spülbecher, Pappbechern statt Einweg-Plastikbechern
  • Biologisch abbaubaren Desinfektionsmitteln, Seifen, Reinigungsmittel
  • Büromaterialien auf Recyclingbasis, Einkauf der Büromaterialien bei einem nachhaltigen Onlinehandel
  • Klimaneutraler Druck von eigenen Druckerzeugnissen
  • Reinigung der Böden und Oberflächen mit gesättigtem Industrie-Trockendampf, um Chemikalien und Reinigungsmittel einzusparen.

Ideen für Nachhaltigkeit in der Praxisführung

  • Umweltrelevante Fortbildungen für die Beschäftigten und regelmäßige Schulungen
  • Beschäftigte, die auf Flugreisen verzichten, erhalten 2 Urlaubstage extra
  • Praxis bietet Beschäftigten Patenschaften für vom Aussterben bedrohte Tierarten an
  • Pro Zahnreinigung wird ein Baum gepflanzt
  • Pro Zahnspange 10€-Spende an eine Klimaschutzorganisation
  • Angebot einer „Klimasprechstunde“, bei der die Patientinnen und Patienten in der normalen Sprechstunde zur Änderung des Lebensstils zu mehr Gesundheit und Klimaschutz beraten werden
  • Auslage von Info-Materialien zum Klimaschutz im Wartezimmer
  • Einkauf von Lebensmitteln für die Praxis auf dem Bio-Bauernhof
  • Praxiseigenes Konto bei einer auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Hausbank

Nachhaltiges Abfallmanagement

  • Nutzung von Nachfüllpackungen
  • Bestellung von Großpackungen statt Einzelpackungen
  • Verzicht auf Verpackungen, z.B. bei Zahnpasten
  • Reduzierung von Plastikabfall
  • Verzicht auf Amalgam, fachgerechte Entsorgung von Amalgam
  • Mülltrennung
  • Verwendung wiederaufladbarer Akkus statt Einwegbatterien
  • Abbestellen unerwünschter Werbesendungen und Zeitschriften
  • Abbestellen von Mustern, Gratisproben und Werbegeschenken
  • Verwendung wiederverwendbarer Spülbecher aus Edelstahl oder Keramik

Ressourcen sparen

  • Reparatur von Geräten statt Neukauf; Bezug von EDV und Elektrogeräten als wieder aufbearbeitete Gebrauchtwaren
  • Digitale Abformungen zur Einsparung von Silikon/Abformmaterial
  • Digitales Röntgen zur Vermeidung von umweltschädlichen Chemikalien
  • Rückversand von Verpackungen, um auf recycelbare Verpackungen aufmerksam zu machen
  • Einsatz elektronisch gesteuerter Armaturen für Wasserhähne, Perlatoren an Armaturen
  • Toilettenspülkästen mit 6 Litern statt 10 Litern und mit Wasser-Stopp
  • Umstieg auf papierlose Praxis mit z.B. digitaler Speicherung der Patientendaten, digitaler Anamnese, digitales Terminmanagement, Umstellung von Notiz-/Mitteilungszetteln auf ein internes Messaging-System
  • Umstieg auf digitale Kommunikation mit den Patienten (Rechnungen, Kostenvoranschläge, Terminerinnerungen etc. per E-Mail). Achtung beim Datenschutz!
  • Hinweis auf sparsame Verwendung der Papierhandtücher durch Aufkleber auf den Papierhandtuchspendern, Verwendung von Stoffhandtüchern, energieeffizienter Händetrockner statt Papier-Handtüchern
  • Befundung am Monitor, so weit möglich Verzicht auf Ausdrucke
  • Behandlung der Instrumente in einer zentralen Sterilgutaufbereitung und damit Verzicht auf Einmal-Instrumente

Hindernisse auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit in der Zahnarztpraxis

Die Führungsetage ist laut Gutachten ein wesentliches Hemmnis für die fehlende Verankerung des Themas Umweltschutz in Unternehmen. Ohne konkrete Unternehmensziele wird nach Meinung der Autoren für Nachhaltigkeitsmaßnahmen weiterhin keine Zeit, kein Geld und kein Personal vorhanden sein. Auch die fehlende Finanzierung und bürokratische und regulatorische Hürden erschweren die Umsetzung von Maßnahmen.

Folgende Hindernisse machen Zahnärzten die Umsetzung schwer:

  • Viele Praxen befinden sich in angemieteten Räumlichkeiten und die Praxisinhaber können daher keine Veränderungen am Gebäude durchführen.
  • Der zeitliche und finanzielle Aufwand für die Umsetzung von Maßnahmen ist für viele sehr hoch.
  • Häufig fehlt es an Personal, das sich um das Thema Klimaschutz und ökologische Nachhaltigkeit in der Praxis kümmert.
  • Fehlende Informationen zum Energieverbrauch der medizinischen Geräte sowie zu klimafreundlichen medizinischen Materialien.
  • Bedenken, dass die klimafreundlicheren Materialien zu teuer sind.
  • Fehlende Fortbildungen zum Thema Klimaschutz und Gesundheit.
  • Fehlendes Problembewusstsein im Team oder Differenzen über die Maßnahmen.
  • Mangelnde Nahverkehrsinfrastruktur sowie fehlende Fahrradwege
  • Technische Hürden für ältere Patienten und Patientinnen im Bereich der Telemedizin
  • Zeitmangel und fehlende Vergütung für die Beratung der Patienten zu einem gesunden und klimafreundlichen Lebensstil
  • Bedenken hinsichtlich der Hygiene bei der Anwendung von Mehrwegmaterialien oder Einsparungen bei Verpackungen
  • Die Empfehlungen für Einmalprodukte und -materialien im Hygieneleitfaden des Deutschen Arbeitskreises für Hygiene in der Zahnmedizin sowie der Mangel an nachhaltigen Alternativen empfinden Zahnärzte als Hemmnis. Bemängelt wird auch das Fehlen von Anbietern externer Sterilisation.
  • Oft fühlen sich Zahnärzte zu wenig informiert, was welche Maßnahme bringt und auch wie man bei der Umsetzung vorgeht

Das erleichtert den Umstieg auf mehr Nachhaltigkeit

Ökologische Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz beginnt beim Praxisinhaber. Am besten legen Sie konkrete Ziele fest und setzen diese mit konkreten Maßnahmen gemeinsam mit dem Team um.

  • Ernennen Sie eine Verantwortliche für Umweltschutz und ökologische Nachhaltigkeit in der Praxis, die Sie als Praxisinhaber bei der Umsetzung unterstützt.
  • Beginnen Sie mit den einfachen und schnell umsetzbaren Maßnahmen.
  • Für manche Bereiche, z.B. beim Thema Energie, ist es ratsam, sich von einem externen Berater Unterstützung zu holen.
  • Praxisinterne Nachhaltigkeitsmanager bzw. Nachhaltigkeitsbeauftragte, die das Thema Umweltschutz präsent halten.

Eine Motivation kann auch sein, die Praxis bei Umwelt-Programmen oder für eine Zertifizierung anzumelden:

  • EMAS-Zertifizierung
  • Zertifizierung als „Klimaneutrale Praxis“ (CO2-Ersparnis + -Kompensation)
  • CO2-Kompensation durch Förderung von Klimaschutzprojekten
  • Teilnahme am Projekt „Klimaretter-Lebensretter“ der Stiftung viamedica
  • Teilnahme an Zertifizierungen wie „Die grüne Praxis“ etc.

Fazit: Es geht noch was in Sachen Klimaschutz

Die viamedica-Recherche machte deutlich: Das Thema Nachhaltigkeit spielt in der ambulanten Gesundheitsversorgung bislang keine große Rolle. Das Engagement in einzelnen Praxen ist personengetrieben und wird freiwillig umgesetzt. Viele innovative Praxen mit konstruktiven Maßnahmen und Aktionen konnten mit dem Gutachten wohl jedoch nicht erfasst werden. Denn die engagierten Praxen zu erkennen zu identifizieren ist durch die hohe Anzahl an Praxen erschwert. Zudem gibt es keine Verordnungen und Dokumentationspflichten zu diesen Themen, die die Analyse erleichtert hätten.

Das Gutachten ist auf der Webseite www.viamedica-stiftung.de/projekte/reklimamed  sowohl als vollständiger Bericht als auch nach 15 Bereichen des Gesundheitswesens untergliedert veröffentlicht.

Quelle: viamedica-Gutachten „Ressourceneffizienz, Klimaschutz und ökologische Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen“ (ReKlimaMed), Teilbereich für „Arztpraxen/Zahnarztpraxen/Praxen sonstiger medizinischer Berufe/Medizinische Versorgungszentren“