Wirtschaftsnachrichten für Zahnärzte | DENTAL & WIRTSCHAFT
Zahnmedizin

Herausforderungen in der Zahnmedizin

Herr Volkmann, der demografische Wandel, Versorgungsengpässe und eine steigende Unterfinanzierung stellen unser Gesundheitssystem auf die Probe. Was sind aus Ihrer Sicht aktuell die Hauptthemen in der Zahnmedizin?

Volkmann: Für mich ist, neben der Integration von nachhaltigen Prozessabläufen sowie Behandlungsmethoden, die Sicherstellung der flächendeckenden Versorgung eines der Hauptthemen. Damit verbunden sind die abnehmende Zahl von Praxisübernahmen vor allem im ländlichen Raum, starker Personalmangel sowie steigende Dokumentationspflichten. Um dem allem entgegenzuwirken, sollten wir in der Zahnmedizin auf eine stärkere und vor allem sinnhafte Digitalisierung setzen und uns verstärkt mit Konzepten aus dem Bereich New Work auseinandersetzen.

Nachhaltigkeit ist eines der aktuellen Schlagworte. Haben Sie als Green Dentistry-Experte Bedenken hinsichtlich der Umsetzung in der Zahnarztpraxis?

Volkmann: Ich sehe sehr viele Chancen bei der Umsetzung von nachhaltigen Behandlungskonzepten sowie Prozessabläufen in der Zahnarztpraxis. Damit verbunden ist eine Verbesserung der Mundgesundheit der Bevölkerung. Den größten Impact, um eine Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen umzusetzen, ist die Prävention. Das Gesundheitswesen produziert mehr als 5 % des gesamten CO₂-Fußabdrucks in Deutschland. In einer Zahnarztpraxis sind 2/3 der CO₂-Produktion mit der Mobilität verbunden (1/3 Mitarbeiter, 1/3 Patienten). Man könnte hier mit wenigen Mitteln eine starke CO₂-Reduzierung ermöglichen. Die Praxis kann so nicht nur ökologischer, sondern auch ökonomischer werden, wenn die Mitarbeiter mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren oder das Fahrrad nutzen, um zur Arbeit zu kommen. Seinen Mitarbeitern kann man gleichzeitig Vorteile bieten, wie E-Autos, Monatskarten für öffentliche Verkehrsmittel oder Fahrräder. Das geht dann Hand in Hand mit dem Employer Branding. Auf Patientenebene gibt es ebenfalls Möglichkeiten, die Mobilität zu reduzieren: Familientermine, regelmäßige Prophylaxe oder die Reduzierung von Arbeitsabläufen in Verbindung mit dem Digital Workflow.

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Zahnmedizin studieren heute

Sie sind Student der Zahnmedizin in Valencia. Was waren die größten Herausforderungen bei der Suche nach einem Studienplatz?

Volkmann: Die größte Herausforderung zu Beginn war der Numerus Clausus, weshalb ich damals in Deutschland nur mit längeren Wartezeiten eine Chance gehabt hätte, Zahnmedizin zu studieren. Nachdem für mich klar war, dass ich nur im Ausland studieren kann, haben viele weitere Herausforderungen begonnen. In welchen Ländern kann man Zahnmedizin in Europa studieren? Wieso dauert in manchen Ländern das Studium 5 oder 6 Jahre? Wie wichtig ist eine Physikumsäquivalenz? Wie finanziere ich das Studium? Wo lerne ich am meisten praktisch? Wird das Studium nach Abschluss auch in Deutschland anerkannt? Schlussendlich habe ich mich für Valencia entschieden. Über diese Entscheidung bin ich sehr froh. Ich werde voraussichtlich im Sommer 2023 mein 5-jähriges Studium erfolgreich beenden.

Werden Sie im Studium auf die Herausforderungen als niedergelassener Zahnarzt ausreichend vorbereitet?

Volkmann: Auf die wirtschaftlichen Herausforderungen als niedergelassener Zahnarzt wird man im Studium leider nicht vorbereitet. Dies bestätigt auch eine Umfrage, die wir gemeinsam mit Exevia durchgeführt haben. Wir haben 300 Studierende im klinischen Abschnitt befragt. Von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern machen sich 78 % über „Ökonomische Praxiskonzepte (Mitarbeiterführung/Praxisführung)“ Gedanken und würden gerne mehr dazu erfahren.

Die Zukunft der Zahnmedizin

Wie sieht die Praxis der Zukunft für Sie aus?

Volkmann: Die lässt sich meiner Meinung nach noch nicht definieren. Es wird in Zukunft verschiedenste Formen von Praxen geben, mit der Tendenz zu größeren Praxisstrukturen und weg von der Einzelpraxis. Nichtsdestotrotz kann ich sagen, dass für mich die Praxis der Zukunft einen komplett digitalen Workflow integriert hat, vom ersten Kontakt mit den Patienten (Anamnese) über die Diagnose bis hin zum Zahnersatz. Zusätzlich wird es einen Wandel in der Patientenbehandlung geben, um auch ein nachhaltiges Praktizieren zu ermöglichen: weg von «Fill and Drill» hin zu präventiven Interventionen. Die Orale Medizin wird aufgrund des demografischen Wandels eine große Rolle spielen. Auch, weil mit ihm eine Überalterung der Gesellschaft sowie ein erhöhtes Auftreten von multimorbiden und polypharmazeutischen Patienten einhergehen.

Mit dem Start-up medzudo wollen Sie (Zahn-)Medizinstudierende sowie alle im Gesundheitswesen Tätigen unterstützen und das Studium, den Berufseinstieg sowie den beruflichen Alltag erleichtern. Wie sieht das konkret aus?

Volkmann: Wir möchten mit medzudo alle Akteure im Gesundheitswesen gezielt vernetzen. „Alle“ bedeutet Berufstätige, Studierende und Auszubildende, Arbeitgeber sowie Standespolitik und Industrie. Dafür bieten wir vereinfachte Kommunikationsstrukturen für Verbände, kreative Räume zum Austausch über die verschiedensten Themen: von Nachhaltigkeit über New Work bis hin zu wirtschaftlichem Wissen.

Des Weiteren setzen wir auch auf den schnellen, einfachen Austausch nach digitalen Events. Denn auch dies wünschen sich 73 % unserer Befragten. Dank der Kooperation mit Industriepartnern bieten wir eine Bandbreite von wirtschaftlichen Vorteilen. Daneben werden wir die Marktforschung weiter ausbauen, um Stimmungsbilder zu ermitteln und gemeinsam mit unseren Kollegen sowie den Beteiligten aus Industrie und Politik den bevorstehenden Transformationsprozess zu begleiten.

Themen, die die Studierenden beschäftigen im Bezug auf …
… das Gesundheitssystem von morgen … ihre zukünftige Niederlassung
73 %
Ein einfacher, kollegialer Austausch
78 %
Ökonomische Praxiskonzepte (Mitarbeiterführung, Praxisführung)
70 %
Kostenlose/kostenpflichtige Fortbildungsangebote sowie Dienstleistungen (digital und analog)
72 %
Digitalisierung der Zahnarztpraxis
61 %
Regelmäßiger Austausch zwischen Heilberufen, Politik und Industrie
72 %
Persönliche Weiterentwicklung
50 %
Leichter Zugang und Einblick zu Themen aktiver Berufsverbände
58 %
Nachhaltige Praxiskonzepte (ökologisch)
31 %
Einblicke in andere Berufsgruppen und von ihnen lernen
Quelle: Studierendenbarometer (Stand November 2022), www.exevia.com


*Zino Volkmann ist Zahnmedizin-Student in Valencia und Green Dentistry-Experte. Er ist Vorstandsmitglied des Studierendenparlaments (StuPa) vom FVDZ und hat zusammen mit Kollegen das Start-up medzudo gegründet.

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