Wirtschaftsnachrichten für Zahnärzte | DENTAL & WIRTSCHAFT
Zahnmedizin

Zahnärzte könnten beim Erkennen und Aufdecken häuslicher Gewalt eine wichtige Rolle spielen. Verletzungen im Gesichtsbereich können auf häusliche Gewalt hinweisen. Charakteristisch sind zum Beispiel Zahnabsplitterungen, der Riss des Oberlippenbändchens, Verletzungen der Oberlippe oder Kieferfrakturen.

Zahnärzte sind häufig die Ersten, manchmal auch die Einzigen, die die Betroffenen konsultieren. Zwar unterliegen sie ihrer gesetzlichen Schweigepflicht. Gleichwohl gibt es Möglichkeiten, aktiv zu werden. „Eine detaillierte Dokumentation kann für die Beweissicherung in einer Gerichtsverhandlung eine entscheidende Bedeutung haben“, betont Prof. Dr. Dr. Bettina Pfleiderer von der Universität Münster, die seit Jahren Projekte und Seminare zum Thema häusliche Gewalt leitet. „Nichts tun sollte niemals eine Option sein.“ Die Zahnärztekammern und die kassenzahnärztlichen Vereinigungen Nordrhein und Westfalen-Lippe zum Beispiel haben einen forensischen Befundbogen entwickelt, der zur fachgerechten und rechtssicheren Dokumentation gewaltbedingter Verletzungen verhilft.

Das Thema häusliche Gewalt bereits in der Lehre aufgreifen

Prof. Pfleiderer leitet in Münster die Dissertation von Dr. Jana Bregulla, Zahnärztin an der Poliklinik für Prothetische Zahnmedizin und Biomaterialien des Universitätsklinikums Münster. Bregulla fand in ihrer Dissertation heraus, dass wissenschaftliche Studien zum Thema „häusliche Gewalt und zahnmedizinische Versorgung“ rar sind. Im deutschsprachigen Raum sogar inexistent. „Es fehlt den Zahnärzten an grundlegenden Kenntnissen über die Anzeichen häuslicher Gewalt. Aber auch, wie sie entsprechende Fälle richtig dokumentieren, wie sie mit den Opfern kommunizieren und ihnen professionell helfen können“, erklärt die Medizinerin.

Es gibt durchaus Länder, die Zahnärzte unterstützen, zur Erkennung und Behandlung von Opfern häuslicher Gewalt beitragen zu können. Das zeigt Bregullas Untersuchung: „Empirische Studien an einer US-amerikanischen zahnmedizinischen Hochschule zeigen beispielsweise auf, dass gezielte Vorlesungsmodule das Wissen der Studierenden über die gesundheitsbezogenen traumatischen Ereignisse vergrößern. Sie verbessern ihr Selbstvertrauen bei der Behandlung von Opfern“, sagt Jana Bregulla. „Für Deutschland sehe ich großen Aufholbedarf.“

Mangelnde Schulung der Zahnärzte führt zu Hemmungen

Die Kommunikation zwischen Arzt und Patient sei Dreh- und Angelpunkt, so Bregulla. Zahnärzte hätten oft falsche Vorstellungen von Opfern von Gewalttaten. Die meisten hätten keine formale Aus- oder Weiterbildung mit Blick auf häusliche Gewalt erhalten. Das führe oftmals zur Zurückhaltung, Patienten auf ihre Verletzungen anzusprechen. „Um diese Hemmungen abzubauen, wäre es sinnvoll, Rollenspiele, Kommunikations- und Simulationstrainings rund um das Thema häusliche Gewalt im Medizinstudium regelmäßig einzubauen. Das Studienhospital der Universität Münster bietet dazu optimale Lehr- und Lernbedingungen“, findet die 27-jährige Medizinerin und Wissenschaftlerin.

Vorstoß für mehr Weiterbildung zu häuslicher Gewalt

Die aufgedeckten Forschungslücken gaben Anlass, die Zahnmedizin in ein neues europaweites Forschungsprojekt mit dem Titel „Victim Protection in Medicine“ (Opferschutz in der Medizin) aufzunehmen: Ein Team unter der Leitung von Bettina Pfleiderer wird in den kommenden drei Jahren Lehrpläne entwickeln, in denen der Umgang mit häuslicher Gewalt verankert ist. Sowohl in der universitären Lehre für Human- und Zahnmediziner als auch in Fort- und Weiterbildungsprogrammen für Ärzte und medizinisches Fachpersonal soll der Umgang mit häuslicher Gewalt damit fester Bestandteil werden.

Quelle: Universität Münster