Wirtschaftsnachrichten für Zahnärzte | DENTAL & WIRTSCHAFT
Zahnmedizin
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Hintergrund

Die Entscheidung zwischen verschraubten und zementierten Implantatversorgungen gehört zu den zentralen Fragestellungen der Implantatprothetik. Zementierte Restaurationen bieten prothetische Vorteile, etwa bei ungünstiger Implantatachse, vereinfachter Okklusionsgestaltung oder ästhetisch sensiblen Situationen. Gleichzeitig besteht bei zementierten Versorgungen das Risiko, dass Zementreste nach der Eingliederung im periimplantären Sulkus verbleiben. Klinisch relevant ist daher, ob solche Zementüberschüsse mit periimplantären Entzündungen und Gewebeveränderungen assoziiert sind.

Material und Methoden

Staubli et al. führten bereits vor einigen Jahren eine systematische Übersichtsarbeit durch, um den Zusammenhang zwischen Zementüberschüssen und periimplantären Erkrankungen zu untersuchen. Eingeschlossen wurden Publikationen, die zementierte implantatgetragene Restaurationen und das Auftreten periimplantärer Entzündungen beziehungsweise Erkrankungen im Zusammenhang mit Zementresten beschrieben.

Insgesamt wurden 26 Publikationen berücksichtigt, die sich auf 21 Studiengruppen bezogen. Die eingeschlossenen Arbeiten umfassten 945 Patienten und 1.010 zementierte Implantatrestaurationen. Aufgrund der Heterogenität der Studiendesigns, Definitionen und Untersuchungsmethoden erfolgte die Auswertung überwiegend deskriptiv; auf eine Metaanalyse wurde verzichtet.

Ergebnisse

Die eingeschlossenen Studien zeigten einen deutlichen Zusammenhang zwischen verbliebenen Zementresten und periimplantären Entzündungszeichen. Zementüberschüsse wurden wiederholt bei Implantaten mit periimplantärer Mukositis oder Periimplantitis nachgewiesen.

Die Prävalenz periimplantärer Erkrankungen lag bei zementierten Restaurationen auf Implantatebene zwischen 1,9 % und 75 %. Bei den erkrankten Implantaten wurden in 33 % bis 100 % der Fälle Zementüberschüsse gefunden. Nach Entfernung der Zementreste kam es in mehreren Studien zu einer klinischen Verbesserung der periimplantären Situation, insbesondere zu einer Reduktion entzündlicher Befunde. Die Datenlage war jedoch heterogen, sodass keine einheitliche quantitative Risikobewertung möglich war. Zementüberschüsse wurden zudem häufiger beobachtet, wenn die Zementierung weniger als vier Wochen nach der Freilegung beziehungsweise Abutmentverbindung erfolgte.

Klinische Schlussfolgerungen

Die Studie zeigt, dass Zementüberschüsse bei implantatgetragenen Restaurationen als relevanter Risikoindikator für periimplantäre Erkrankungen betrachtet werden müssen. Sie können insbesondere bei tief liegenden und schwer zugänglichen Restaurationsrändern unbemerkt verbleiben, die Plaqueanlagerung begünstigen und eine periimplantäre Entzündung unterhalten.

Für die Praxis bedeutet dies, dass zementierte Implantatversorgungen nur dann biologisch vertretbar sind, wenn die Zementfuge kontrollierbar liegt und überschüssiger Zement sicher entfernt werden kann. Der Restaurationsrand sollte möglichst auf Höhe des Mukosarandes oder nur geringfügig submukosal liegen.

Vor der definitiven Zementierung sollte eine ausreichende Reifung der periimplantären Weichgewebe abgewartet werden. Frühe Kontrollen nach der Eingliederung sind sinnvoll. Bei eingeschränkter Zugänglichkeit, tief submukösen Restaurationsrändern oder einem erhöhtem periimplantären Risikoprofil sollte eine verschraubte Versorgung bevorzugt oder zumindest konsequent geprüft werden.

Update zur neueren Evidenz

Aktuelle systematische Übersichtsarbeiten relativieren die einfache Gegenüberstellung von verschraubten und zementierten Implantatversorgungen. Die Retentionsart allein scheint nicht eindeutig mit einem höheren Risiko für periimplantäre Mukositis oder Periimplantitis verbunden zu sein. Entscheidend ist vielmehr, ob die Versorgung langfristig kontrollierbar, reinigungsfähig und frei von iatrogenen Risikofaktoren gestaltet ist.

Ein wesentlicher Vorteil verschraubter Versorgungen liegt in ihrer Retrievability, also der Möglichkeit, die Restauration bei Bedarf zerstörungsfrei abzunehmen und wieder einzugliedern. Dies erleichtert insbesondere bei komplexen oder festsitzenden Full-Arch-Versorgungen die Inspektion der periimplantären Gewebe, die professionelle Reinigung sowie die Diagnostik und Behandlung biologischer oder technischer Komplikationen.

Die klinische Fragestellung lautet daher weniger „verschraubt oder zementiert?“, sondern vielmehr: Ist die Versorgung langfristig kontrollierbar, reinigungsfähig und bei Bedarf reversibel? Zementierte Versorgungen können biologisch vertretbar sein, sofern diese Voraussetzungen erfüllt sind. Bei komplexen Rekonstruktionen oder eingeschränkter Zugänglichkeit bietet die verschraubte Versorgung jedoch klare Vorteile für Nachsorge, Reinigung und Reparatur.

Quelle:

Staubli N, Walter C, Schmidt JC, Weiger R, Zitzmann NU. Excess cement and the risk of peri-implant disease – a systematic review. Clinical Oral Implants Research. 2017;28(10):1278–1290. doi:10.1111/clr.12954.

Prof. Dr. Clemens Walter

Prof. Dr. med. dent. Clemens Walter

Abteilung für Parodontologie, Oralmedizin und Oralchirurgie Charité Centrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde
Prof. Dr. med. dent. Clemens Walter erhielt seine Approbation im Jahr 2000. Von 2001 bis 2003 absolvierte er das Postgraduiertenprogramm in Parodontologie und Implantologie an der Charité Berlin. Die Promotion erfolgte 2005. Von 2010 bis 2021 war er Leiter des Weiterbildungsprogrammes Parodontologie an der Universität Basel, wo er 2012 habilitierte. 2016 wurde er Außerordentlicher Professor an der Universität Basel, 2021 übernahm er den Lehrstuhl für Zahnerhaltung, Parodontologie, Endodontologie, Präventive Zahnmedizin und Kinderzahnheilkunde, Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, Universitätsmedizin Greifswald. Prof. Walter arbeitet in der Zahnarztpraxis Asta Fritzke in Greifswald und ist als Titularprofessor an der Abteilung für Parodontologie, Orale Medizin und Orale Chirurgie, Charité-Universitätsmedizin Berlin tätig. Foto: privat
Aßmannshauser Straße 4–6
14197 Berlin

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