Wirtschaftsnachrichten für Zahnärzte | DENTAL & WIRTSCHAFT
Zahnmedizin
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Hintergrund

Kurze Implantate sind für eine große Patientengruppe, darunter ältere oder multimorbide Patienten, eine interessante Option. Längenreduzierte Implantate werden eingesetzt, um aufwendige augmentative Verfahren, wie einen Sinuslift im atrophen Oberkiefer oder eine vertikale Knochenaugmentation im Unterkiefer, zu vermeiden. Der klinische Vorteil liegt potenziell in geringerer Morbidität, kürzerer Behandlungsdauer, geringeren Kosten und reduziertem chirurgischem Risiko. Unklar war jedoch lange, ob kurze Implantate von ≤ 6 mm in verschiedenen klinischen Situationen langfristig ähnlich zuverlässig sind wie konventionelle Implantate mit einer Länge von ≥ 10 mm. Für eine robuste Aussage zu dieser Frage sind randomisierte klinische Studien und eine differenzierte Auswertung nach Indikation, Implantatlänge und Nachbeobachtungszeit erforderlich.

MATERIAL UND METHODEN

In der Analyse von Ravidà und Mitarbeitern wurde gezielt nach randomisierten klinischen Studien (RCT) zu kurzen Implantaten ≤ 6 mm im Vergleich zu langen Implantaten ≥ 10 mm gesucht. Die Autoren erstellten dazu eine systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse, Trial Sequential Analysis und Bewertung der Evidenzqualität. Der primäre Endpunkt war das Implantatüberleben. Sekundäre Endpunkte waren marginaler Knochenverlust sowie biologische und technische/prothetische Komplikationen.

Ergebnisse

Insgesamt wurden 40 Publikationen zu 19 RCTs eingeschlossen. Diese umfassten 2.214 Implantate, davon 1.097 kurze und 1.117 lange Implantate. Mit moderater Evidenz zeigten sich für Implantate ≤ 6 mm im nativen Knochen nach 5 Jahren ähnliche Überlebensraten wie bei Implantaten ≥ 10 mm. Auch bei Rehabilitationen des gesamten Zahnbogens (full arch) in Ober- oder Unterkiefer waren die 5-Jahres-Überlebensraten vergleichbar. Im posterioren Oberkiefer zeigte sich, dass 6-mm-Implantate – nicht aber kürzere Implantate – als Alternative zum Sinuslift mit langen Implantaten vergleichbare Überlebensraten erreichen. Im posterioren Unterkiefer mit vertikalem Knochendefizit, also bei der Frage „kurzes Implantat statt vertikaler Augmentation und langem Implantat“, blieb die Evidenz dagegen unsicher. Bezüglich marginalem Knochenverlust sowie biologischen und prothetischen Komplikationen konnten insgesamt keine wesentlichen Unterschiede zwischen kurzen und langen Implantaten festgestellt werden.

Klinische Schlussfolgerungen

Kurze Implantate sind bei geeigneter Indikationsstellung eine wissenschaftlich gut abgestützte Therapieoption. Am besten abgesichert ist ihr Einsatz im nativen Knochen und bei Full-Arch-Rehabilitationen. Speziell im posterioren Oberkiefer kann der Einsatz von 6-mm-Implantaten eine Alternative zum Sinuslift darstellen. Gerade bei reduziertem Knochenangebot im posterioren Oberkiefer, wie es klinisch beispielsweise nach Zahnverlust oder bei fortgeschrittenem parodontalem Attachmentverlust vorkommen kann, ist diese Option relevant. Zurückhaltender sollte man derzeit bei 4- und 5-mm-Implantaten sein. Ebenso bleibt die Evidenz für kurze Implantate als Ersatz vertikaler Augmentationen im Unterkiefer begrenzt. Für die Praxis bedeutet das: 6-mm-Implantate können in vielen Fällen helfen, komplizierte augmentative Eingriffe zu vermeiden, ohne dass nach fünf Jahren ein relevantes Defizit im Implantatüberleben erkennbar ist. Die Entscheidung sollte jedoch fallbezogen erfolgen, unter Berücksichtigung von Knochenangebot, Implantatposition, Okklusion, prothetischem Konzept, Risikofaktoren und Nachsorgefähigkeit.

Quelle:

Ravidà A, Serroni M, Borgnakke WS, Romandini M, Wang II, Arena C, Annunziata M, Cecoro G, Saleh MHA. Short (≤6 mm) compared with ≥10-mm dental implants in different clinical scenarios: A systematic review of randomized clinical trials with meta-analysis, trial sequential analysis and quality of evidence grading. J Clin Periodontol. 2024 Jul;51(7):936–965.

Prof. Dr. Clemens Walter

Prof. Dr. med. dent. Clemens Walter

Abteilung für Parodontologie, Oralmedizin und Oralchirurgie Charité Centrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde
Prof. Dr. med. dent. Clemens Walter erhielt seine Approbation im Jahr 2000. Von 2001 bis 2003 absolvierte er das Postgraduiertenprogramm in Parodontologie und Implantologie an der Charité Berlin. Die Promotion erfolgte 2005. Von 2010 bis 2021 war er Leiter des Weiterbildungsprogrammes Parodontologie an der Universität Basel, wo er 2012 habilitierte. 2016 wurde er Außerordentlicher Professor an der Universität Basel, 2021 übernahm er den Lehrstuhl für Zahnerhaltung, Parodontologie, Endodontologie, Präventive Zahnmedizin und Kinderzahnheilkunde, Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, Universitätsmedizin Greifswald. Prof. Walter arbeitet in der Zahnarztpraxis Asta Fritzke in Greifswald und ist als Titularprofessor an der Abteilung für Parodontologie, Orale Medizin und Orale Chirurgie, Charité-Universitätsmedizin Berlin tätig. Foto: privat
Aßmannshauser Straße 4–6
14197 Berlin

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