Wirtschaftsnachrichten für Zahnärzte | DENTAL & WIRTSCHAFT
Praxisgründung

Frau Dr. Reitz, Sie waren gerade in der Harvard School of Dental Medicine. Wie fühlt sich das an?

Es war eine besondere Erfahrung, mit Unternehmerinnen und Unternehmern sowie Zahnärztinnen und Zahnärzten aus der ganzen Welt zusammenzuarbeiten. Besonders bewegt hat mich, dass ich für das Programm ein Stipendium erhalten habe.

Sie haben als ZFA begonnen und später Zahnmedizin studiert. Was nehmen Sie aus diesem Weg mit – und was konnten Sie vielleicht hinter sich lassen?

Viele Jahre hatte ich das Gefühl, mich ständig beweisen zu müssen. Als ZFA ohne Abitur zu studieren, bedeutete oft, gegen Erwartungen und Vorurteile anzukämpfen. Irgendwann trägt man diesen Kampf wie einen Rucksack mit sich herum. In Harvard hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass mein Weg von anderen nicht als ungewöhnlich oder problematisch, sondern als Stärke gesehen wird. Ein Teil dieses Rucksacks durfte dort bleiben.

Warum eine eigene Praxis? Wann haben Sie gemerkt, dass das wirklich Ihr Weg ist?

Während meiner Zeit als Zahnärztin habe ich in verschiedenen Praxen gearbeitet. Dabei wurde mir klar, wie wichtig mir die Möglichkeit ist, Dinge selbst gestalten zu können. Ein entscheidender Punkt war für mich die Frage nach dem Verhältnis zwischen Wirtschaftlichkeit und Patientenwohl. Natürlich muss eine Praxis wirtschaftlich arbeiten. Aber wenn wirtschaftliche Überlegungen die Behandlung bestimmen, gerate ich persönlich in einen ethischen Konflikt. An diesem Punkt wurde mir klar: Wenn ich meine Werte konsequent leben möchte, brauche ich die Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen. So entstand der Wunsch nach einer eigenen Praxis.

Gab es auf diesem Weg auch Zweifel?

Viele. Man stellt sich eine Gründung oft deutlich geradliniger vor, als sie tatsächlich ist. Bei mir begann alles mit einer geplanten Immobilie. Wir hatten Konzepte entwickelt und investiert. Dann platzte das Projekt.

Plötzlich waren nicht nur Zeit und Energie verloren, ich hatte wirklich das Gefühl, dass mein gesamter Traum zusammenbricht. Heute weiß ich, dass genau diese Erfahrung notwendig war. Rückblickend war sie wahrscheinlich das Beste, was passieren konnte. Die Immobilie, die ich heute gefunden habe, passt deutlich besser zu meinem Konzept.

Diese Zeit hat mir eine wichtige Lektion vermittelt. Man muss unglaublich auf sein Bauchgefühl hören. Gerade in der Gründungsphase schließen sich Türen, von denen man fest überzeugt war. Oft öffnen sich dadurch andere Türen, die viel besser passen.

Kinderzahnheilkunde gilt nicht als wirtschaftlich besonders attraktiv. Sehen Sie das auch so?

Ich glaube, die Kinderzahnheilkunde wird häufig unterschätzt. Man darf Kinder und Familien nicht aus einer rein wirtschaftlichen Perspektive betrachten. Wenn man ihnen mit Leidenschaft begegnet und ihnen erklärt, warum bestimmte Maßnahmen sinnvoll sind, dann entsteht Vertrauen.

Wenn Eltern sehen, dass ich mich ehrlich freue, wenn ihr Kind Fortschritte macht oder plötzlich motiviert ist, besser zu putzen, dann verstehen sie auch meine Empfehlungen. Langfristige Patientenbindungen und das Vertrauen der Familien entstehen dann von selbst.

Sie entwickeln ein sehr individuelles Konzept für Ihre Praxis. Was wird dort anders sein als in klassischen Praxen?

Mein Herzstück ist ganz klar die Kinderabteilung. Die Praxis umfasst rund 500 Quadratmeter auf drei Etagen mit insgesamt acht Behandlungszimmern. Obwohl ich auch Erwachsene behandeln werde, stand für mich von Anfang an fest: Kinder brauchen ihren eigenen Raum.

In vielen Praxen hatte ich immer das Gefühl, dass Kinder irgendwie mitlaufen. Sie werden zwar behandelt, aber die Praxis ist nicht wirklich für sie gemacht. Das wollte ich ändern.

Was sollen Kinder und Eltern bei Ihnen erleben?

Vor allem Gemeinschaft und Eigenverantwortung. Ich spreche bewusst von einer Team-Mentalität. Wir sind ein Team: das Kind, die Eltern und das Praxisteam. Unser gemeinsames Ziel ist nicht die Behandlung selbst, sondern dass Kinder lernen, Verantwortung für ihre eigene Mundgesundheit zu übernehmen.

Deshalb geht es bei uns nicht nur um Zähne. Es geht um Bewegung, Ernährung, Motivation und gesunde Gewohnheiten. Ich möchte, dass Kinder verstehen: „Ich kann selbst etwas für meine Gesundheit tun.“ Dabei sehe ich mich nicht als diejenige, die alles vorgibt. Ich bin eher der Headcoach. Wir begleiten, motivieren und geben Orientierung. Aber am Ende soll das Kind selbst ins Handeln kommen. Wenn Kinder stolz erzählen, dass sie ihre Zähne besser geputzt haben oder etwas verändert haben, dann haben wir unser Ziel erreicht. 

Ein weiterer Schwerpunkt Ihres Konzepts ist Inklusion. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Gerade Kinder mit besonderen Bedürfnissen stoßen oft auf Hürden, die für andere gar nicht sichtbar sind. Manche Kinder reagieren sehr sensibel auf Geräusche, Gerüche oder ungewohnte Situationen. Andere benötigen mehr Zeit, klare Strukturen oder eine andere Art der Kommunikation.

Wie setzen Sie das konkret um?

Ein wichtiger Baustein wird ein Snoezelraum sein. Das ist ein geschützter Rückzugsraum, in dem Reize gezielt reduziert werden können. Licht, Atmosphäre und Umgebung sind dort bewusst anders gestaltet als in einem klassischen Behandlungsraum. Gerade für Kinder mit Autismus, ADHS, sensorischen Besonderheiten oder ausgeprägten Ängsten kann so ein solcher Raum sehr hilfreich sein. Manchmal braucht es nicht sofort eine Behandlung, sondern zunächst einen Ort, an dem Vertrauen entstehen kann.

Viele Menschen denken bei Zahnmedizin zuerst an Technik oder Behandlungsmethoden. Für mich beginnt gute Zahnmedizin oft schon viel früher, nämlich in dem Moment, in dem ein Kind merkt, dass es verstanden wird.

Das klingt nach einem hohen organisatorischen Aufwand.

Ja, aber genau deshalb war mir dieses Thema von Anfang an wichtig. Wenn man Inklusion ernst nimmt, kann sie kein Zusatzangebot sein, das irgendwann später dazukommt. Sie muss Teil des Konzepts sein. Das betrifft die Raumplanung genauso wie die Abläufe, die Kommunikation und die Schulung des Teams.

Sie bauen derzeit ein Team von Grund auf. Was beschäftigt Sie dabei besonders?

Vor allem die Verantwortung. Bisher war ich Teil eines Teams. Jetzt werde ich diejenige sein, die Entscheidungen trifft und Strukturen schafft. Das ist eine völlig neue Rolle für mich. Mir ist wichtig, Menschen zu finden, die nicht nur fachlich gut sind, sondern auch die Idee hinter der Praxis verstehen. Viele der zukünftigen Teammitglieder kennen mich bereits und wissen, wie ich arbeite. Gerade Kinder merken sofort, wenn Erwachsene nicht an einem Strang ziehen. Deshalb ist eine gute Teammentalität nicht nur für die Patienten, sondern auch innerhalb der Praxis wichtig.

Welcher Rat für Gründerinnen und Gründer klingt banal, ist aber in Wahrheit entscheidend?

Netzwerken. Viele glauben, eine Praxisgründung sei vor allem eine Frage von Zahlen und Verträgen. Aber am Ende sind es die Menschen, die den Unterschied machen. Die richtigen Kontakte, gute Mentoren und ein belastbares Netzwerk können Probleme lösen, bevor sie überhaupt entstehen. Rückblickend war das wahrscheinlich einer der wichtigsten Faktoren auf meinem gesamten Weg.

Wenn Sie heute auf die vergangenen Monate zurückblicken: Was hat Ihnen die Harvard School of Dental Medicine am Ende wirklich mitgegeben?

Vertrauen. Die Harvard School of Dental Medicine hat meine Perspektive auf das Unternehmertum verändert. Ich sehe meine Praxis heute nicht nur als Behandlungsort, sondern auch als Unternehmen mit Verantwortung. Das Wichtigste ist aber vielleicht etwas anderes: Ich habe gelernt, dass man groß denken darf. Und dass man sich dafür nicht entschuldigen muss.

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