Wirtschaftsnachrichten für Zahnärzte | DENTAL & WIRTSCHAFT
Zahnmedizin
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Hintergrund

Mit der zunehmenden Verbreitung dentaler Implantate und den heute verfügbaren längeren Beobachtungszeiten gewinnt die Peri-implantitis in der täglichen Praxis an Bedeutung. Aktuelle systematische Übersichtsarbeiten gehen davon aus, dass etwa jeder fünfte Implantatpatient betroffen ist; die berichteten Prävalenzen variieren allerdings erheblich in Abhängigkeit von Falldefinition und Untersuchungsmethodik. Für die – in aller Regel notwendige – chirurgische Therapie einer Periimplantitis wurden unterschiedliche Konzepte vorgeschlagen. Neben einem offenen Debridement kommen resektive Verfahren mit Implantoplastik, rekonstruktive Maßnahmen mit Knochenersatzmaterialien sowie Kombinationen dieser Ansätze zum Einsatz. Für die klinische Entscheidung ist jedoch weniger entscheidend, ob sich einzelne Parameter kurzfristig verbessern, sondern ob tatsächlich eine längerfristige stabile und entzündungsfreie Situation erreicht wird. Bislang ist unklar, ob aufwendigere rekonstruktive Verfahren gegenüber resektiven oder rein dekontaminierenden Maßnahmen einen klinisch relevanten Vorteil bieten.

Material und Methoden bei der Behandlung von Periimplantitis

In der retrospektiven Kohortenstudie, publiziert von einer namhaften deutschen Gruppe, wurden 223 Patienten mit insgesamt 406 wegen Periimplantitis chirurgisch behandelten Implantaten ausgewertet. Die Eingriffe wurden von vier erfahrenen Operateuren in einem universitären Zentrum durchgeführt. Zum Einsatz kamen offenes Debridement bei 37 Implantaten, Implantoplastik bei 39, rekonstruktive Verfahren bei 241 sowie kombinierte Verfahren bei 89 Implantaten. Eingeschlossen waren Patienten mit behandelter Parodontitis und regelmäßiger parodontaler Nachsorge. Untersucht wurden schraubenförmige Titanimplantate mit nicht-maschinierter Oberfläche; Zirkonimplantate und Implantate mit maschinierter Oberfläche waren ausgeschlossen. Zusätzlich wurden zahlreiche patienten-, implantat- und therapiebezogene Einflussfaktoren erfasst, darunter Rauchen, systemische Erkrankungen, Dauermedikationen, Implantatposition, Ausgangssondierungstiefen, Suppuration und Antibiotikagabe. Als Behandlungserfolg nach einem Jahr galt eine maximale Sondierungstiefe von höchstens 5 mm, Blutung auf Sondieren an maximal einer Stelle und das vollständige Fehlen von Suppuration. Zusätzlich wurden Implantatverlust und erneute chirurgische Eingriffe im weiteren Verlauf erfasst.

Ergebnisse der retrospektiven Kohortenstudie

Nach einem Jahr erfüllten insgesamt 54,7 % der Implantate die definierten Erfolgskriterien. Die Erfolgsraten betrugen 62,5 % nach offenem Debridement, 58,3 % nach Implantoplastik, 55,4 % nach rekonstruktiver Therapie und 48,3 % nach kombinierten Verfahren. Zwischen den Behandlungsgruppen bestanden keine signifikanten Unterschiede. Während einer mittleren Nachbeobachtungszeit von rund 31 Monaten gingen 9,9   % der Implantate verloren; weitere 9,4% mussten erneut chirurgisch behandelt werden. Die Wahl des chirurgischen Verfahrens selbst war nicht mit einem besseren Behandlungserfolg verbunden. Neben der Operationstechnik beeinflussten weitere Faktoren den Verlauf. Unterschiede zwischen den Operateuren und die Anwendung systemischer Antibiotika waren mit dem Behandlungserfolg nach einem Jahr assoziiert.

Ein erhöhtes Risiko für einen späteren Implantatverlust zeigte sich insbesondere bei Implantaten im Molarenbereich und bei initial vorhandener Suppuration. Tiefere Ausgangssondierungstiefen sowie Overdenture-Versorgungen waren häufiger mit einer erneuten chirurgischen Therapie verbunden.

Der Raucherstatus zeigte in dieser Kohorte keinen unabhängigen Einfluss auf Behandlungserfolg, Implantatverlust oder Reoperation. Eine parodontale Vorgeschichte konnte nicht separat bewertet werden, da die eingeschlossenen Patienten bereits wegen Parodontitis behandelt worden waren und sich in Nachsorge befanden. Der parodontale Behandlungserfolg oder etwaige Rest-taschen waren nicht angegeben. Die erfassten systemischen Erkrankungen und Dauermedikationen traten nicht als eigenständige Erfolgsprädiktoren hervor.

Klinische Schlussfolgerungen zur chirurgischen Therapie der Periimplantitis

Die chirurgische Therapie der Periimplantitis kann bei einem Teil der Implantate eine klinische Krankheitskontrolle erreichen, der Erfolg bleibt jedoch begrenzt. Nur etwa jedes zweite Implantat erfüllte nach einem Jahr die definierten Erfolgskriterien. Aufwendigere rekonstruktive oder kombinierte Verfahren zeigten dabei – in dieser retrospektiven Fallserie, in der die chirurgische Technik nicht randomisiert auf die jeweiligen Defekte verteilt wurde – keinen nachweisbaren Vorteil gegenüber offenem Debridement oder Implantoplastik. Die Ergebnisse legen aber nahe, dass der Behandlungserfolg nicht allein von der Wahl des chirurgischen Verfahrens abhängt. Ausgangssituation, Defekt- und Implantatmerkmale, Suppuration, Sondierungstiefe und auch Behandlerfaktoren scheinen eine wesentliche Rolle zu spielen. Bei geeigneter Defektmorphologie kann daher auch ein resektives Vorgehen mit Implantoplastik eine rationale Behandlungsoption darstellen. Gleichzeitig zeigen Implantatverluste und notwendige Reinterventionen im weiteren Verlauf, dass die chirurgische Periimplantitistherapie nicht mit einer sicheren oder dauerhaften Heilung gleichgesetzt werden kann.

Quelle:

Zhou W, Ramanauskaite A, Raabe C, Cafferata EA,Lingwal N, Schwarz F. Treatment Outcome of Surgical Protocols for Peri-Implantitis: A Retrospective Cohort Study in a Specialised University Centre. Journal of Clinical Periodontology. 2026;53(5):658–680. doi:10.1111/jcpe.70115.

Prof. Dr. Clemens Walter

Prof. Dr. med. dent. Clemens Walter

Abteilung für Parodontologie, Oralmedizin und Oralchirurgie Charité Centrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde
Prof. Dr. med. dent. Clemens Walter erhielt seine Approbation im Jahr 2000. Von 2001 bis 2003 absolvierte er das Postgraduiertenprogramm in Parodontologie und Implantologie an der Charité Berlin. Die Promotion erfolgte 2005. Von 2010 bis 2021 war er Leiter des Weiterbildungsprogrammes Parodontologie an der Universität Basel, wo er 2012 habilitierte. 2016 wurde er Außerordentlicher Professor an der Universität Basel, 2021 übernahm er den Lehrstuhl für Zahnerhaltung, Parodontologie, Endodontologie, Präventive Zahnmedizin und Kinderzahnheilkunde, Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, Universitätsmedizin Greifswald. Prof. Walter arbeitet in der Zahnarztpraxis Asta Fritzke in Greifswald und ist als Titularprofessor an der Abteilung für Parodontologie, Orale Medizin und Orale Chirurgie, Charité-Universitätsmedizin Berlin tätig. Foto: privat
Aßmannshauser Straße 4–6
14197 Berlin

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