Interview: „Anlagemix statt nur auf Gold oder Silber setzen!“
Florian JunkerDie hohen Preise von Edelmetallen sollten langfristig denkende Investoren nicht dazu verleiten, jetzt alles in diese eine Anlageklasse zu investieren, meint Mirko Kohlbrecher, Investmentstratege beim Vermögensverwalter der Spiekermann & CO AG aus Osnabrück. Im folgenden Interview erklärt er warum.
Warum sind die Gold- und Silberpreise in den vergangenen Monaten erst explodiert, dann eingebrochen, um anschließend scheinbar wild zu schwanken?
Die Ursachen sind nicht monokausal, sondern da kommen viele Dinge zusammen. Das reicht von der geopolitischen Entwicklung über die US-Zollpolitik bis zur globalen Staatsschuldenkrise. Dies alles treibt die Leute in Sachwerte, und Edelmetalle zählen hier zu den Klassikern.
Bei Gold und Silber kamen dann zuletzt noch Spekulanten dazu, die mit kurzfristigem Zeithorizont und zum Teil mit Hebelprodukten die Preise in die Höhe getrieben haben. Ein Auslöser für Gewinnmitnahmen und die Korrektur war dann die mögliche Ernennung eines unerwarteten neuen US-Notenbankpräsidenten. Aber die wahrscheinlichste Ursache der relativ starken Preisschwankungen ist technischer Natur, wenn Hebelprodukte eingesetzt werden und es anders läuft als es die Spekulanten erwartet haben. Im Endeffekt ist jetzt der Markt bereinigt und muss sein Gleichgewicht wieder finden, was auch schon zu beobachten ist.
Ist denn vor diesem Hintergrund Gold noch ein gutes Investment?
Wichtig ist es, die Entwicklung der letzten beiden Jahre nicht nach vorne zu projizieren. Denn was dabei nicht vergessen werden darf, es hat viele Jahre gedauert, um die Höchststände aus dem Jahr 2011 zu knacken, vorher gab es eine sehr lange Seitwärtsbewegung. Es gibt generell jedoch gute Gründe, die auch in Zukunft für Gold sprechen. Es wird wohl weiter knapp bleiben, denn es gab in den letzten Jahren kaum größere Goldfunde. Dazu hat Gold eine negative Korrelation zu anderen Anlageklassen, das heißt, fallen Aktien oder gibt es Schwierigkeiten am Anleihenmarkt ist Gold oft besonders gefragt und kann so ein Gegengewicht in einem gut ausbalancierten Portfolio sein.
Zudem dürften uns die strukturellen Gründe, warum die Goldnachfrage hoch ist, noch lange begleiten. Das reicht von der geopolitischen Krisengefahr über Inflationsängste bis zu generellen Zweifeln an der Stabilität von Papierwährungen angesichts wachsender Schuldenberge.
Was unterschätzen viele private Investoren bei der Anlageklasse Gold?
Wie wichtig die Nachfrage der Notenbanken ist. Hier wollen sich immer mehr von der westlichen Welt und damit auch vom US-Dollar unabhängiger machen. Zum Beispiel China scheint eine ähnliche glänzende Reserve anzustreben wie die westlichen Notenbanken. Wenn man hier den Statistiken so halbwegs Glauben schenken darf und die Käufe in ähnlicher Höhe erfolgen, wie in den letzten Jahren, wird das noch zehn Jahre für Nachfrage sorgen. Das hat einen interessanten Nebeneffekt, es begrenzt wahrscheinlich Preisschwankungen nach unten. Denn bei größeren Korrekturen ergeben sich automatisch sehr interessante Einstiegsgelegenheiten für die Notenbanken und Preisschwankungen dürften relativ schnell einen Boden finden. Wirkliche Tiefpunkte beim Goldpreis, wie wir sie mal in den 1980er Jahren gesehen haben, sind in den nächsten Jahren eher nicht zu erwarten.
Kurstechnisch war Silber zumindest in letzter Zeit noch spannender als Gold. Warum nicht lieber darin investieren oder gleich seltene Erden nehmen?
Silber ist durchaus ein interessantes Investment, hat aber einen etwas anderen Charakter als Gold, da es auch in vielen Bereichen als Industriemetall eingesetzt wird. Spannend ist hier zum Beispiel die Entwicklung von Akkus für E-Autos, die auf Silber statt Lithium setzen und erhebliche Leistungsvorteile bringen könnten. Das kann zusätzliches Preispotenzial im Vergleich zu Gold bringen, aber sollten sich auf der anderen Seite hier andere Techniken durchsetzen, kann das auch zu Enttäuschungen führen.
Wir als Vermögensverwalter nutzen Gold eher als Stabilitätsanker und da funktioniert es erfahrungsgemäß besser als Silber. Noch schwieriger wird das bei seltenen Erden, denn hier kann nicht nur die Nachfrage und Produktionskapazität schwanken, was auch geopolitisch ein großes Thema ist. So etwas wie Neodym oder Dysprosium ist zudem gar nicht so einfach handelbar, für Gold gibt es dagegen einen jederzeit liquiden Markt.
Wenn Gold der Sicherheitsanker schlechthin ist, warum überhaupt noch in andere Anlagen investieren?
Historisch betrachtet funktioniert Gold nicht in allen Marktphasen gleich gut oder unterliegt anders formuliert auch starken Zyklen. Gefragt ist es besonders in inflationären Phasen und tatsächlich spricht einiges dafür, dass wir so etwas die nächsten Jahre erleben könnten. Deswegen darf es durchaus einen nicht zu kleinen Anteil am Gesamtvermögen haben.
Aber wenn wir das langfristig vergleichen, sind Aktien als Beteiligung am Produktivkapital auch in solchen Zeiten meist die rentablere Anlageform, denn gut aufgestellte Unternehmen können die Inflation über höhere Preise ebenfalls kompensieren. Festverzinsliche Wertpapiere sind zwar generell eher in deflationären Zeiten gefragt, können jedoch zumindest im Moment auch ein Mittel für eher konservative Anlegertypen sein, Kaufkraftverluste zu vermeiden.
Welchen Anteil sollte Gold als Anlagebaustein in einem Depot haben?
Früher galt ein Fünf-Prozent-Anteil am Gesamtvermögen als typische Empfehlung. Aus der heutigen Perspektive und in einem wahrscheinlich eher inflationären Umfeld ist das wahrscheinlich etwas gering bemessen und es dürfen je nach Risikoneigung auch mal bis zu 15 oder 20 Prozent sein. Aber alles darüber hinaus ist dann schon eher eine Wette auf den Kollaps des Finanzsystems und an den glauben wir eher nicht.
Warum nicht auf Gold statt Geld setzen?
Papierwährungen wie Euro oder Dollar sind letztlich nur Versprechen und sollten die Staatsschulden weiter explodieren wird es unweigerlich zu einer Entwertung kommen, das lehrt die Geschichte. Gold ist vor diesem Hintergrund tatsächlich die einzige Währung, die dann noch nie auf Null gefallen ist. Die Frage ist jedoch, wie schnell das alles passiert. Wir gehen eher nicht vom großen Knall aus, sondern von einer kontinuierlichen Entwicklung und hier dürfte ein ausgewogener Anlagemix bessere Chancen bieten. Für uns heißt es deswegen nicht Gold statt Geld, sondern Gold als Anker für einen diversifizierten Anlagemix zum Werterhalt von Vermögen.
Ist Bitcoin das neue Gold? Oder eher eine zyklische Aktie?
„Hier scheiden sich die Geister und ich gehöre zu denen, die Kryptowährungen eher kritisch sehen, da man ihnen keinen realen Wert zuordnen kann“, sagt Mirko Kohlbrecher, Investmentstratege beim Vermögensverwalter Spiekermann & CO AG aus Osnabrück. Aus seiner Sicht sind Bitcoin und Co. ein reines Spekulationsobjekt, solange nicht die Notenbanken hier im großen Stil aktiv werden. „Insofern müssen Anleger bisher jederzeit damit rechnen, dass ihr Geld einfach plötzlich weg ist“, warnt der Experte. Bitcoin ist aus seiner Perspektive deswegen kein Sicherheitsanker wie Gold.
Andererseits gab es in den letzten 10 Jahren auch kaum ein Investment, das rentabler war als Bitcoin. Die Grundidee einer völlig unabhängigen Währung, die sich problemlos über alle Staatsgrenzen hinweg transferieren lässt, hat einen eigenen Charme und könnte gerade in Krisenzeiten ein wertvoller Vorteil sein. Kurz zusammengefasst: Gold ist wohl am ehesten mit tendenziell langweiligen Versicherungspolicen verwandt, Bitcoin und Co. eher mit gehypten Zockeraktien mit vielen Chancen aber auch enormen Risiken. Beides kann – je nach Anlegertyp – in einer breit aufgestellten Vermögensstruktur seine Berechtigung haben.