Dr. Rebecca Otto über Führung, Teamkultur und Praxisgründung
Beata LuczkiewiczDr. Rebecca Otto liebt Herausforderungen. Sie leitet eine erfolgreiche Kinderzahnarztpraxis, führt starke Frauennetzwerke und inspiriert eine neue Generation von Zahnärztinnen. Im Interview spricht sie über Führung, Teamkultur und den Mut, Neues zu wagen – und erklärt, warum Selbstständigkeit für sie nicht Risiko, sondern Freiheit bedeutet. Und was die „Power von :innen“ wirklich ausmacht.
Frau Dr. Otto, Sie sind Kinderzahnärztin, Präsidentin von Dentista und Co-Vorsitzende von Spitzenfrauengesundheit. In welcher dieser Welten fühlen Sie sich zu Hause?
In allen – und vergessen Sie nicht meine dritte Welt: mein Privatleben. Ich bin leidenschaftliche Kinderzahnärztin, führe die einzige reine Kinderzahnarztpraxis in Thüringen, engagiere mich ehrenamtlich gleich in zwei Führungspositionen – und bin Mutter. Alles hängt zusammen: In der Praxis wie im Verband geht es um Führung, Unternehmertum und Verantwortung. Ich will Vorbild sein und zeigen: Man kann ein Unternehmen führen, eine Familie haben und sich engagieren, ohne sich zwischen all den Anforderungen aufzureiben.
Das klingt nach einem vollen Terminkalender. Wie finden Sie da die „Power von :innen“, mit der Dentista wirbt?
Dieser Slogan meint: Die Kraft kommt von uns selbst. Ich bin ein sehr lösungsorientierter Mensch. Ich hänge nicht auf der „Jammerseite“ fest, denn das bringt weder mich noch andere weiter. Im Studium wurden wir zu Einzelkämpfern erzogen. Dentista dreht das um: Wir schaffen Gemeinschaft, unterstützen uns gegenseitig und finden gemeinsam Lösungen – ohne etwas verkaufen zu wollen.
Dentista e.V. - der Verband für Zahnärztinnen
Der Dentista e.V. - Verband der ZahnÄrztinnen wurde 2007 von Zahnärztinnen gegründet und bringt weibliche Expertise in die Gestaltung der Zukunft der Zahnmedizin ein. “Unser Leitgedanke: Zusammenarbeit auf Augenhöhe zwischen Kolleginnen und Kollegen, gemeinsam für die moderne Zahnmedizin und das Wohl der Patienten. Deshalb steht der Verband der ZahnÄrztinnen – Dentista bewusst auch Zahnärzten offen – sie sind als Fördermitglied herzlich willkommen”, schreibt der Verband auf seiner Website. Dentista hat außerdem den Female Founder Award ins Leben gerufen, der 2025 erstmalig verliehen wurde und herausragende Praxisgründerinnen ehrt.
In zwei Jahren feiert Dentista sein 20-jähriges Bestehen. Was hat sich in dieser Zeit für Zahnärztinnen am meisten verändert?
Wir sind vom „Katzentisch“ aufgestanden. Früher hat man über uns gesprochen, heute spricht man mit uns. Und allen ist klar: Die zahnärztliche Versorgung der Zukunft wird vor allem von Frauen geleistet. Deshalb müssen Strukturen geschaffen werden, in denen wir gerne und gut arbeiten können. Es geht nicht um „rosa“ Praxen, sondern um Rahmenbedingungen, beispielsweise wie sich Schwangerschaft und Selbstständigkeit vereinbaren lassen.
In Ihrer Praxis arbeiten zwanzig Frauen. Was macht ein gutes Team aus?
Führung beginnt immer an der Spitze. Wenn etwas nicht läuft, frage ich mich: Liegt es an meiner Führung? Ich möchte keine Einzelkämpferinnen, sondern ein Team, das auch private Entwicklungen mitträgt. Wir wachsen miteinander – menschlich und fachlich. Das ist tägliche Arbeit und kein Selbstläufer. Aber es lohnt sich: Wir haben kaum Fluktuation, bekommen Initiativbewerbungen, und mein „Personalkarussell“ steht still.
Ihre Kollegin Dr. Anne Heinz sagt: „Wenn du schnell vorankommen willst, geh allein. Wenn du weit kommen willst, geh mit einem Team.“
Absolut. Aber Teamarbeit ist Arbeit. Ich hole mir auch mal externe Coaches, um neue Impulse zu setzen. Das kostet zwar Zeit und Geld, spart aber langfristig Nerven – und sichert ein stabiles, motiviertes Team.
Sie betreiben die einzige reine Kinderzahnarztpraxis in Thüringen. Was bedeutet das im Alltag?
Wir haben eine stetig steigende Nachfrage nach Neuaufnahmeterminen. Eltern sind oft dankbar – aber manchmal auch überrascht, wenn ich Klartext spreche. Karies ist kein Schicksal. Karies entsteht meist durch den Lebensstil. Kinder können nicht für sich sprechen, also tue ich es. Und ich möchte, dass meine Arbeit nachhaltig wirkt, statt dass wir uns in ein paar Monaten wiedersehen, weil sich nichts geändert hat.
Es gibt die Ansicht, dass Kinderzahnheilkunde wirtschaftlich nicht die attraktivste Disziplin ist. Warum ist sie für Sie trotzdem so wichtig?
Ja, so sehen es manche Kolleginnen und Kollegen. Kinder, Pflegebedürftige – das bringt nicht den großen Umsatz. Aber für mich geht es darum, Menschen zu helfen, die besonders schutzbedürftig sind. Und ich sehe es sportlich: Sollen die anderen denken, es sei nicht lukrativ – ich weiß, dass es erfüllend ist.
Der Female Founder Award ist ihr Herzensprojekt. Warum?
Weil er Praxisgründerinnen sichtbar macht, die sonst niemand sieht – besonders im Osten oder in ländlichen Regionen. Wir zeichnen nicht die „Einhörner“ mit 200 Behandlungszimmern aus, sondern zeigen, wie Mütter erfolgreich Praxis und Familie verbinden können. So machen wir anderen Mut. Und ja – im Osten gründen erstaunlich wenige. Manche reagieren, als hätte ich gesagt, ich eröffne eine Praxis in Albanien. Dabei ist das eine riesige Region mit großem Bedarf.
Trotz wirtschaftlicher und organisatorischer Herausforderungen entscheiden sich 75 % der Zahnärztinnen für eine eigene Praxis. Was ist Ihr Rat?
Gründen! Denn eine Ehe ist wirtschaftlich riskanter als eine Praxis. Die Insolvenzquote bei Praxen liegt im Promillebereich. Selbstständigkeit bedeutet Freiheit: Ich entscheide, mit wem ich arbeite, welche Materialien ich nutze, wann ich frei mache. Als ich gegründet habe, war ich 29 und hatte eine Dreiviertelmillion Schulden. Heute bin ich schuldenfrei und habe Gestaltungsspielraum.
Welche Rolle spielen Männer innerhalb Ihres Netzwerks?
Eine sehr wichtige. Wir wollen Parität. Männer bringen wertvolle Perspektiven ein, die uns bereichern. Genauso wie wir Themen einbringen, die sonst vielleicht niemand auf dem Schirm hätte. Ein männlicher Kollege, der gerade Vater geworden ist, kann ebenso das Bedürfnis haben, weniger zu arbeiten. Diese Veränderung in der Berufskultur betrifft uns alle.
Sie engagieren sich seit 2009 in der Standespolitik. Warum ist das wichtig?
Weil Frauen mitentscheiden müssen. Ich war lange „das Einhorn“ im Vorstand – die einzige Frau. Das ist anstrengend, aber wichtig. Wir wollen, dass nicht über uns, sondern mit uns gesprochen wird. Mentoring spielt dabei eine große Rolle, um Kolleginnen an Verantwortung heranzuführen.
Welche Kompetenzen braucht eine ZFA heute?
Viele Jüngere sind digital top, aber beim direkten Gespräch gibt’s Nachholbedarf. Wir arbeiten generationsübergreifend, nutzen die Stärken aller und setzen digitale Tools gezielt ein – von E-Mail-Workflows bis hin zur Telefon-KI. So reduzieren wir Belastung und schaffen Zeit für das Wesentliche, nämlich die Patienten.
Viele ZFA fühlen sich zu wenig wertgeschätzt. Was raten Sie?
Zuerst muss geklärt werden: Was genau bedeutet Wertschätzung? Gehalt, Lob, Arbeitsumfeld, Fortbildung? Nur dann kann man gezielt handeln. Für mich ist die ZFA eine Schlüsselperson – egal ob männlich oder weiblich. Entscheidend ist, die positiven Aspekte des Berufs sichtbar zu machen.
Ist ZFA also ein Beruf mit Zukunft?
Ja. Manche Aufgaben werden digitalisiert, aber in Bereichen wie der Kinderzahnheilkunde sind ZFA unersetzlich. Wir werden in Zukunft eher mit Fachkräftemangel umgehen müssen als mit zu vielen Bewerbungen.
Was macht Dentista attraktiv für jüngere Zahnärztinnen?
Wir sind ein Verband von Frauen für Frauen, bieten Netzwerke vor Ort, Online-Fortbildungen und Unterstützung in allen Lebenslagen. Und manchmal auch kleine Extras – aktuell etwa unseren eigens gebrandeten „Gintista“ für Mitgliederwerbung.
Und wenn Sie in zehn Jahren zurückblicken?
Dann wünsche ich mir eine vielfältig besetzte Selbstverwaltung, eine starke weibliche Stimme in allen Gremien – und dass die zahnärztliche Versorgung in zahnärztlicher Hand bleibt.
Wie stellen Sie sicher, dass Ihnen auch in den nächsten zehn Jahren weder die Energie noch die Leidenschaft ausgehen?
Ich habe eine gute Work-Life-Balance – auch wenn mir das viele nicht glauben. Ich plane aber auch meine Auszeiten schon am Anfang des Jahres fest ein. Dieses Jahr habe ich für den Dezember keine Referentenanfragen angenommen und bin nicht deutschlandweit unterwegs, sondern genieße den ganzen Dezember mit meinem Sohn. Solche Auszeiten bringen neue Ideen und Kraft.